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 Beschreibung
400 begeisterte, zum Teil schwerbehinderte, Kinder schauten gespannt in Richtung Leinwand, auch wenn die eigentliche Show davor stattfand. Ein kleines Puppentheater wurde in dem Saal 1 der Film-Bühne Wien aufgebaut und das Märchen 'Die Schneekönigen' aufgeführt. Wie auf Bestellung hatte es beim Verlassen des Kinos auch noch angefangen zu schneien. Ein schöner Nikolaustag '99 für alle beteiligten.

Es muß nicht immer Kino sein, auch wenn sich im regulären Betrieb ausschließlich alles darum dreht. Hauptverantwortlich für diesen besonderen Nachmittag und auch für den regulären Betrieb in der 'Film-Bühne Wien' ist nun seit knapp einem Jahr der Theaterleiter Klaus Peter Espenhain. Herr Espenhain, Jahrgang 1958 geboren in Leipzig, ist erst vor knapp einem Jahr zur 'Film-Bühne Wien' gestoßen und wird wahrscheinlich der Theaterleiter sein, der in dem Haus die Lichter löscht. (Wenige Monate nach dem Interview wurde die 'Film-Bühne Wien' geschlossen). Aber das bedeutet für die Mitarbeiter und Ihn nicht das Ende. Innerhalb der 'UFA Theater GmbH' wird allen eine weitere Anstellung garantiert.

Klaus Peter Espenhain, März 2000 © Monika Perkovich
Ein Kinowechsel ist für Herrn Espenhain nichts neues, der seit dem Beginn seiner Karriere schon mehrere Häuser durchlaufen hat. Erst knapp vor der Wende ist er zum Kino gestoßen. Damals wurde kurzfristig ein Kassierer im Kosmos (noch lange bevor es zum Multiplex umgebaut wurde) gesucht und nachdem der Hauptkassierer erkrankte übernahm er den Posten. Zu dem Zeitpunkt wurde das Kino überrannt, da dort erstmalig der Kassenschlager 'Dirty Dancing' gezeigt wurde.

Als noch kurz vor der Wende ein Stelle im 'Filmtheater Prager Straße' in Dresden angeboten wurde, nahm er die Herausforderung an und blieb für fünf Jahre. Zunächst war er der Leiter der Studiobühne und nach Schließung des kleinen Saals avancierte er zum Kassenleiter des Kinos. "Nach dem die UFA das Kino übernahm, begann für uns alle mehr oder weniger die Stunde Null. Der damalige Theaterleiter merkte größeres Interesse meinerseits und fragte mich ob ich nicht als Theaterleiterassistent in Berlin starten möchten." In Dresden bildete ihn der dortige Theaterleiter noch aus und Herr Espenhain leitete (nach einem kurzen Zwischenspiel in der 'Film-Bühne Wien' als Theaterleiterassistent) ab 1995 als Theaterleiter das Sojus in Marzahn.

Der 'klassische' Aufstieg durch 'learning by doing'. Heute werden die sogenannten Nachwuchsführungskräfte durch eine Ausbildung im Unternehmen angelernt. Eine Nachwuchsführungskraft durchläuft alle Stationen innerhalb eines der großen Multiplexe (Berlin, Hamburg, Dresden, Stuttgart, Düsseldorf). Vom Kartenabreißen über das Filmvorführen bis zur Einarbeitung in die Buchhaltung werden alle Bereiche durchlaufen, in einem Zeitraum der abhängig von dem Geschick des Lernenden ist. Es wird auch wert darauf gelegt, dass die Ausbildung nicht in der gleichen Stadt durchgeführt wird, in der anschließend die Tätigkeit aufgenommen wird. Anschließend gibt es immer wieder Sonderseminare für die Theaterleiter und Mitarbeiter.

Die Personalstruktur innerhalb eines Multiplexes ist grundverschieden von einem traditionellen Kino. In einem Multiplex gibt es den sogenannten Objektleiter dem die einzelnen Theaterleiter des Multiplex unterstehen. Die Theaterleiter sind ausschließlich für eine bestimmte Abteilung zuständig. So gibt es u.a. einen Leiter der nur für Concession (Ein- und Verkauf aller Snacks und Drinks), Personal usw. zuständig ist.
In einem traditionelle Haus (zu dem auch die 'Film-Bühne Wien' zählt) gibt es nur einen Theaterleiter (und mindestens einen Theaterleiterassistent, der in Abwesenheit die Geschäfte übernimmt), der für alle Bereiche des Kinos zuständig ist. Das beginnt beim Personal, der wöchentlichen und monatlichen Abrechnung und geht bis zur Überwachung des Wareneinkaufs. Das man als Theaterleiter nicht nur daneben steht und ein Auge auf alle Bereiche wirft, sondern gegebenenfalls selber einspringen muß, versteht sich von selbst. Auch dass das Privatleben bei diesem Beruf zurückstecken muß, und man grundsätzlich dann arbeitet wenn alle anderen frei haben, muß man in Kauf nehmen.

Nun gibt es ein gewisses Mindestmaß an Einsatz was erforderlich ist um alle Aufgaben zu bewältigen. Dem zusätzlichen Einsatz werden natürlich keine Grenzen gesetzt. "Als ich das 'Sojus' übernommen habe, habe ich den Laden erst einmal komplett umgekrempelt," sagt Herr Espenhain, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen. Er hat den Kontakt zu lokalen Kleinkünstlern, Tänzern, Cheerleadern und natürlich Sponsoren aufgebaut und vorangetrieben um bei vielen Vorführungen etwas besonderes zu bieten. "Ich würde sagen, dass die Zeit vor allem in Berlin vorbei ist, in der das Kino auf seine Besucher wartet. Wer fährt heute noch quer durch die ganze Stadt, nur um einen Film zu sehen? Die Angebote und die Anreize um einen Film herum werden immer wichtiger, um sich von anderen Kinos abzuheben. Natürlich bietet sich nicht jeder Film an, aber man muß den Gast anlocken und wenn er da ist, muß man ihn verwöhnen." So drängte sich ihm eine Stripshow vor dem Film 'Striptease' schon förmlich auf; und der Erfolg gab ihm recht.
"In Berlin muß man immer wieder neue Ideen haben, um sich neben der Konkurrenz behaupten zu können. In einem kleinen Ort mit vielleicht nur einem Kino braucht man das nicht, und die Ideen würde einem vielleicht verloren gehen."
Auch kommt über die Jahre hinweg immer wieder der spezielle Einsatz für die kleinsten Besucher zum Vorschein. Nicht nur am Weltkindertag versucht Herr Espenhain etwas besonderes zu bieten. 1997 wurde Herr Espenhain mit einem Promotion Preis der UFA ausgezeichnet und das 'Sojus' wurde im selben Jahr in der Kategorie "kleine Kinos der UFA-Gruppe" für den höchsten Umsatz an Eis und Cola prämiert.

Doch die neue Multiplex Konkurrenz in der nähren Umgebung des 'Sojus' ließ die Zuschauerzahl stark sinken und Herr Espenhain verließ Ende 97 das Kino und übernahm bis März 99 die Leitung des Marmorhaus zur Zeit der Wiedereröffnung nach der Renovierung. Anschließend, nach dem das 'Marmorhaus' gut anlief, wechselte er ein paar hundert Meter weiter in die 'Film-Bühne Wien'.

"Zunächst war es wie ein Schock, da der Kontrast zu allen anderen Häusern sehr stark ist, aber mittlerweile mag ich das Haus und die Säle mit seinen Eigenheiten sehr. Es hat seinen besonderen Charme." Ob er noch einmal den Erfolg wie in anderen Häusern erzielen kann ist allerdings sehr fragwürdig. "Am Kurfürstendamm fehlt die Jugend, und da muß man sich schon fragen ob sich Sachen die wir im 'Sojus' gemacht haben, so einfach übertragen lassen. Die 'Film-Bühne Wien' hat ein Stammklientel was vom Altersdurchschnitt über 50 Jahre liegt. Da muß man sich andere Sachen ausdenken."
Vor allem versucht Herr Espenhain durch eine gezielte Programmauswahl zumindestens das Stammpublikum anzuziehen. Doch das ist nicht einfach. Die Filmauswahl und Buchung wird von der Zentral-Disposition der UFA aus gesteuert, die sämtliche Verträge mit allen Verleihern abschließen. Das es dort Vereinbarungen gibt die nicht immer den Kinos dienen, ist nicht erst seit 'Star Wars - Die Dunkle Bedrohung' bekannt. So läuft mancher Schrott zähneknirschend vor leerem Saal. Selbstverständlich wird auch darauf geachtet, das sich die UFA Kinos am Ku-damm nicht untereinander Konkurrenz machen oder nicht der gleiche Film wie gegenüber im Filmpalast Berlin gespielt wird. Da zieht die 'Film-Bühne Wien' schon mal den kürzeren, und muß auf große Filme in den ersten Wochen verzichten.
Aber viele Vorschläge und Wünsche kann Herr Espenhain verwirklichen. So steht Herr Espenhain, wie alle anderen Theaterleiter auch, im ständigen Kontakt mit der Disposition um den aktuellen und kommenden Spielplan den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. In seinem schmucklosen Büro in der vierten Etage liegt das Programm und die Infos der kommenden Starttermine.
Die 'Film-Bühne Wien' hat aber teilweise aus der 'Not eine Tugend' gemacht. "Filme die ansonsten gar nicht mehr am Ku-damm oder sogar in Berlin laufen, nehmen wir noch einmal ins Programm und haben damit sehr guten Erfolg. Manche Stammbesucher warten auch häufig ein paar Wochen, bis er dann hier läuft." So darf zum Beispiel James Bond nach über drei Monaten noch immer auf der Leinwand Atomschmuggler jagen. Auch versucht Herr Espenhain im Jugendstilsaal möglichst historische Filme zu spielen, um ein stimmungsvolles Gesamterlebnis zu vermitteln.

Doch obwohl bei Sondervorstellungen von arabische, algerischen und türkischen Filmen der große Saal im vergangenen Jahr ausverkauft war, ist das eine Ausnahme und die 'Film-Bühne Wien' steht vor dem aus. Herr Espenhain würde sich zwar den Erhalt, der zum Teil denkmalgeschützen Räume, als Kino wünschen, hat sich aber auch schon intern für die Stelle in einem neuem Multiplex beworben. Das hat nichts damit zu tun, dass er innerlich das Haus aufgegeben hat, als wahrscheinlich vielmehr der Wunsch nicht auf der Stelle stehen zu bleiben. Die Befürchtung in einem Multiplex, den persönlichen Charakter zu verlieren, den er doch teilweise den Häusern geben konnte, hat er nicht. "Ich müßte dann erst einmal umdenken, wäre aber glücklich wenn ich nach wie vor im Publikumsbereich arbeiten könnte. Und selbst wenn ich beispielsweise zunächst im Concession Bereich tätig wäre, würde ich mich der Herausforderung stellen und sehe das auch nicht als Ende mich und meine Ideen einzubringen."
Es scheint, dass Herr Espenhain ein Mensch ist der mehr nach vorne guckt, als sich auf vergangene Lorbeeren auszuruhen. So scheint der Begriff "Stunde Null", den er öfters verwendete, viel mehr ein Lebensmotto als eine tatsächliche Situation.

Ironischerweise war die Film-Bühne genau mal ein Kino wie sich Herr Espenhain sein heutiges 'Traumkino' vorstellen würde. "Ein Kino vergleichbar mit der 'Komödie am Ku-damm'. Ein Ort wo man von Leuten in Uniform eingelassen wird, vorab an einer Champagner Bar etwas trinken kann und sich selber etwas eleganter anzieht. Und das Ganze in einem älteren Ambiente. Das hat so noch keiner versucht, und ich glaube, dass es das Publikum dafür in Berlin geben würde."
Den Service und das entsprechende Personal vermißt er heutzutage etwas. Die Zeiten in der die Belegschaft so etwas wie eine Familie ergab scheinen vorbei. Heute sind viele Beschäftigten nur Aushilfen oder Studenten die ihre Arbeit nur als 'Job' ansehen. "Früher hatte die Belegschaft mehr ein Auge für die kleinen Details. Heute muß man alles selber stärker kontrollieren."
Die Leidenschaft zum Kino scheint ihn dabei anzutreiben. Auch wenn er aus zeitlichen Gründen nur ca. 20 Filme im Jahr selber gucken kann. So schaut er auf Reisen durch ferne Länder immer gerne wie dort Kino gemacht wird und teilt sich schon mal mit dem Federvieh des Bauern in Pakistan seine Sitzreihe (wenn auch nicht sein Popcorn).

Als wir uns vor den Türen der 'Film-Bühne Wien' auf dem Ku-damm verabschieden bittet er mich noch die Tür der Glasvitrine mit den Filmplakaten offenzuhalten, damit er selber reinkriechen kann um den kleinen Infozettel mit den Oscarnominierungen an das 'Sixth Sense' Plakat zu hängen. Das wurde von der externen Werbeagentur an das falsche Plakat gehängt. Wenn man nicht selber alles in die Hand nimmt.

[Ben 4'00]