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 Kinokompendium
  Das Kinokompendium ist Berlins unabhängiger Kinoführer und unternimmt seit über 20 Jahren einen informativen aber auch kritischen Streifzug durch die vielfältige Berliner Kinolandschaft. Dabei beschreiben wir nicht nur die Geschichte und das Serviceangebot aller Kinos, sondern werfen auch anhand von über 1300 exklusiven Fotos einen Blick in jeden der über 250 Kinosäle Berlins.

Aus Anlass der aktuellen Maßnahmen zur Eingrenzung von Covid-19 starten wir eine besondere Interviewreihe unter dem Motto Keine Zeit zu sterben. Mit der Reihe möchten wir das einzigartige Vergnügen eines Kinobesuchs in Erinnerung rufen und den besonderen Ort Kino in den Mittelpunkt rücken. Wir hoffen, dass uns auch in ein paar Monaten die ganze Vielfalt der Berliner Kinoszene erhalten bleibt und wir sie bald wieder in vollen Zügen genießen können.
 Interview
 

 3. Juni 2020:
  Central, Moviemento & Toni
 27. Mai 2020:
  Passage



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 Central, Moviemento & Toni - Ein Besuch zu Zeiten von Covid-19
Die Corona-Schließzeit wird im Central, dem nach der Wende gegründeten Kino im Zentrum Berlins, für Renovierungsarbeiten genutzt. In Saal 2 werden nicht nur neuer Teppich verlegt und neue Stühle eingebaut, sondern das Publikum darf sich zur Wiedereröffnung auch über eine neue Leinwand und Lautsprecher freuen. Die Betreiberin Iris Praefke leitet nicht nur seit 2013 das Central, sondern seit 2007 mit dem Moviemento auch das älteste Kino Berlins und seit zwei Jahren das Weißenseer Kiez-Kino Toni, das bis 1979 in der ehemaligen DDR aus privater Hand geführt wurde. Während im Hintergrund die Bauarbeiten weiterlaufen, verlängert Frau Praefke ihre Pause, um uns ein kurzes Interview zu geben.
 Sie leiten drei Häuser, die für sehr unterschiedliche Berliner
 Kinogeschichten stehen. Wie macht sich das bemerkbar?
Iris Praefke: Das Toni ist viel stärker ein Nachbarschaftskino als das Moviemento oder auch das Central. Im Moviemento laufen viele Festivals und Sondervorführungen, dadurch ist es eher ein Kino für die ganze Stadt. Es ist einfach schön, wenn nach einem Event noch Gespräche im Foyer stattfinden und man mit den Gästen weiterredet. Im Central spielen wir alles Original mit Untertiteln und daher ist das Publikum internationaler im Sinne von Touristen. Wir zeigen in allen drei Kinos Kinderprogramm, allerdings gibt es in Mitte nicht so viele Kinder. Beim Toni dagegen wohnen irrsinnig viele Kinder und das macht sich bemerkbar im Programm. Dort kommen sogar ganz viele Kinder, um sich den Film alleine anzuschauen - das ist mir im Central noch nie untergekommen.
 Sie setzen also einen starken Schwerpunkt aufs Kinderprogramm?
Iris Praefke: Die Kita-Kinder sind eigentlich immer begeistert. Aber besonders freut es mich, wenn Schulklassen kommen, in denen manche Jugendliche eigentlich gar kein Bock haben diesen „doofen Film“ zu gucken und sie der Film dann aber doch mitnimmt und begeistert. Da merkt man: Filme schauen ist das eine, aber wenn Du es im Kino in einem abgedunkelten Saal mit anderen Leuten siehst, ist es halt ein ganz anderes Erlebnis als alleine zu Hause vor dem Rechner. Deswegen machen wir so viel Kinderkino. Und ich habe oft erlebt, dass die Kinder später zu uns als Besucher zurückkommen.

Poster und Bierdeckel: Fundstücke im Moviemento, August 2010 © kinokompendium
 Wie sind Sie denn damals zum Moviemento gekommen?
Iris Praefke: Ich habe zu dem Zeitpunkt noch im Kino Nickelodeon gearbeitet, das leider schließen musste. Das habe ich total gerne gemacht, allerdings war es mit nur einem Saal und wenig Plätzen sehr klein. Dazu kam bei mir die Phase, wo ich dachte, dass ich mir mal einen "richtigen Job" suchen müsste. Ich wollte gerne weiter im Kino arbeiten, aber nur mit dem Nickelodeon wäre das nicht gegangen. Genau zu dieser Zeit bot die Vorbetreiberin des Moviemento das Kino Wulf Sörgel und Torsten Frehse von Neue Visionen an und die brauchten noch jemand, der das wirklich macht. Als ich fragte: „Wann geht’s denn los?“, sagte Wulf: „Nächste Woche!“. Es ging also alles ziemlich schnell.
 Was ist das Besondere für Sie am Moviemento?
Iris Praefke: Ich mag, dass Du dort annähernd einmal im Kreis laufen kannst und an allen Sälen vorbeikommst. Es ist sehr gemütlich und überschaubar. Die Vorbetreiberin hat das alles sehr klug von einem auf drei Säle ausgebaut. Die Wege sind sehr kurz und Du kommst überall gut hin, dadurch hast du einen super Überblick. Von den Arbeitswegen her könnte man das Kino locker alleine schmeißen. Irgendwie hat es immer was von zu Hause sein. Eines muss man jedoch sagen: Der Grund, warum das Moviemento noch existiert, ist die Lage im ersten Stock. Andernfalls wäre es schon längst ein Supermarkt geworden.

Projektorraum Details Moviemento, September 2010 © kinokompendium
 Was gefällt Ihnen am Toni besonders?
Iris Praefke: Wir haben dort ein paar Sonderveranstaltungen, die wirklich einzigartig in Berlin sind. Wir haben z.B. den ND-Filmclub - eine monatliche Veranstaltung, bei der DEFA-Filme mit anschließender tiefgehender Diskussion gezeigt werden. Bis vor kurzem hatten wir die Reihe „Arbeitswelten der DDR“, das sind so Sachen, die siehst Du sonst nie. Außerdem ist das Kino ja noch aus der Stummfilmzeit und dadurch ist es ein großer Saal mit einer wahnsinnig großen Bildwand für das Format 1:1,37. Das ist natürlich cool, wenn Du diese alten Filme genau in dem Format zeigen kannst.
 Sie haben mit anderen Programmkinos zusammen die Crowdfunding-
 Kampagne Fortsetzung Folgt gestartet. Wie lief die Zusammenarbeit
 mit den anderen Kinos?
Iris Praefke: Die Kinobetreiber kennen sich zwar untereinander, z.B. durch Treffen auf Branchenevents, aber wir hatten noch nie so viel Kontakt miteinander wie derzeit. Durch die gemeinsame Kampagne Fortsetzung Folgt verstärkt sich der Zusammenhalt. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Es kämpft halt nicht jeder für sich alleine und sieht die anderen als Konkurrenz. Ich glaube, dass von diesem Miteinander auch etwas für die Zukunft bleibt. Wir haben in Berlin einfach eine einzigartige Kinolandschaft mit einem sehr breiten Angebot - vom Mainstream bis zur Subkultur.

Sneak Peak Central Saal 1 - neue Bepolsterung, Mai 2020 © kinokompendium
 Freuen Sie sich wieder auf die Besucher?
Iris Praefke: Die Frage muss man ja eigentlich gar nicht beantworten. Natürlich! Es war die ersten Tage auch ganz komisch, denn wir haben eigentlich nie zu. Wir haben Weihnachten geöffnet und auch an Silvester und am 1. Januar – also eigentlich immer. Wenn Du dann auf einmal im Kinofoyer sitzt und es ist 20 Uhr und niemand ist da, dann ist das ein supermerkwürdiges Gefühl. Es fehlt mir sehr, dass die Leute im Foyer stehen und sich unterhalten oder vielleicht auch mal eine ganz komische Frage stellen. Diese ganze Interaktion mit dem Publikum vermisse ich. Einige Leute haben uns auch geschrieben, wie sehr sie uns vermissen. Das ist toll und wir haben uns über jede einzelne Nachricht sehr gefreut.


 Passage Kino - Ein Besuch zu Zeiten von Covid-19
Anlässlich neuer Aufnahmen im Passage Kino führten wir ein Interview mit Gerd Müller-Eh, der das Kino seit September 1989, also vom ersten Tag der Wiedereröffnung durch die Yorck Kinogruppe, als Theaterleiter führt.
 Sie leiten die Passage seit der Wiedereröffnung 1989. Wie hat damals
 alles begonnen?
Gerd Müller-Eh: Eröffnet haben wir das Kino mit 'Indiana Jones und der letzte Kreuzzug'. Das war damals noch die Zeit, wo die Premieren der Filme eigentlich nur am Kurfürstendamm gespielt wurden, daher war es ein großes Wagnis hier in Neukölln ein Kino zu bauen. Wir hatten zwar vor, überwiegend die großen Blockbuster zu spielen, wussten aber nicht, ob wir überhaupt an die Filme rankommen würden. Durch Indiana Jones war das Haus allerdings so brechend voll, dass alle Verleiher sofort nachgefragt haben, ob wir ihre Filme spielen. Das war damals eine Neuerung und im Grunde der Startschuss dafür, dass die Uraufführungen nicht ausschließlich am Ku'damm gespielt wurden, sondern auch in die Bezirke gehen konnten.

Projektorraum von Saal 1, Mai 2020 © kinokompendium
 Was faszinierte Sie bei der damaligen Wiederentdeckung des Kinos
 an dem Bau besonders?
Gerd Müller-Eh: Das Kino wurde schon 1908 eröffnet, war aber zum Zeitpunkt der Wiederentdeckung nur noch ein Möbellager. Der Hauseigner - übrigens der selbe wie vom Babylon (Kreuzberg) - ist sehr kulturaffin und hatte die Idee, aus dem Gebäude ein Kulturhaus zu machen. Zusammen mit der Neuköllner Oper wollte er ein kulturelles Zentrum generieren.
Wir haben dann nach allen Regeln der Denkmalspflege das Haus wiederhergerichtet. Das erkennt man schon im Treppenhaus besonders gut. Die dunkelbraune Holzverkleidung sind Spuren der Geschichte, auch wenn sie im Originalzustand nicht da war. Das betrifft auch die Farben des Bodens und der Wände im Foyer. Das teuerste Problem im großen Saal 1 war die Schallisolierung zur Neuköllner Oper, da die Decke originalgetreu bleiben musste.
 Gibt es eine bauliche Besonderheit in dem Kino, die kaum ein
 Zuschauer wahrnimmt?
Gerd Müller-Eh: Es ist schade, dass es in Saal 1 zwar einen Rang gibt, wir diesen allerdings nicht betreiben durften, weil die Brüstungshöhe nicht hoch genug war. Wir mussten uns komplett umentscheiden und haben dann den Rang abgetrennt und dort den Projektorraum eingebaut. Wir haben extra an der Rückseite des Rangs eine Verspiegelung eingebaut, damit man architektonisch einen Eindruck davon bekommen kann, wie groß der Saal eigentlich gedacht war.
Es gibt noch etwas anderes Interessantes: 1908 war der Saal als Theater konzipiert und deswegen gibt es auch eine Vollbühne. Die meisten wissen nicht, dass man die Leinwand in Saal 1 auf Schienen nach hinten schieben kann.

Leinwand im Saal 1 auf Schienen, Mai 2020 © kinokompendium
 Welche Aufführung oder welches Event zählt zu den Highlights ihrer
 Zeit als Betreiber?
Gerd Müller-Eh: Was mir sehr viel Spaß gemacht hat, war das zwanzigjährige Jubiläum in Zusammenarbeit mit der Neuköllner Oper. Da gab es die Aufführung eines Stummfilms mit Orchester und es kamen viele Gäste, die schon vom ersten Tag an in die Passage kommen. Das hat mir große Freude bereitet und ich war sehr berührt von der Treue des Publikums.
 Ich höre raus, dass Sie nach wie vor davon begeistert sind das Kino zu
 betreiben.
Gerd Müller-Eh: (mit Begeisterung in der Stimme) Ja! Das wundert mich selbst auch immer wieder, weil ich das jetzt schon mein Leben lang mache. Zu meiner Schulzeit habe ich Kinos geputzt, während des Studiums habe ich vorgeführt und nach meinem Studium bin ich Theaterleiter geworden. Also eigentlich bin ich immer beim Kino geblieben.
 Freuen Sie sich wieder auf Kinovorführungen?
Gerd Müller-Eh: Auf jeden Fall. Sowas wie Netflix langweilt mich. Ich kann das Zeug auf dem kleinen Monitor nicht mehr sehen. Es bringt einfach keinen Spaß und ich gucke dort die Filme nicht konsequent, sondern zappe nur rum. Im Kino dagegen schaue ich mir auch Filme an, die mich vielleicht erstmal schwer mitnehmen, die sich aber im Laufe der Zeit entfalten und mir dann zeigen was sie können. Ich bleibe einfach ganz anders dabei. Und aus diesem Grund hoffe ich auch, dass das Publikum wiederkommt. Dass es vielen genauso geht wie mir.

Buchstabensammlung für den Werbeanschlag, Mai 2020 © kinokompendium