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Der TGV steht bereits in der trostlosen Halle des Bernauer Bahnhofes, und das
Wetter ist mehr als lausig. Wir brechen aus; entziehen uns Winter und Welt für
drei Tage - nicht in der Karibik, sondern in den über vierhundert Pariser
Kinos. Nirgends sonst in Europa trifft man so häufig auf die gelungene Verbindung
von perfekter Einrichtung - Tonanlage, Leinwand, Fauteuil - und Kinoarchitektur.
Kurz vor Mittag erreichen wir die Gare de Lyon. Wir bummeln zur Bastille und beziehen
unser Hotel im Marais. Das Viertel haben wir gewählt, weil von dort eine
direkte Metroline zu den Filmtempeln an den Grands Boulevards, eine andere zu
jenen in den Champs-Elysées führt. Zu den Kleintheatern im Quartier
Latin können wir via Ile St-Louis bequem zu Fuss übersetzen. Und im
Marais finden Spätheimkehrer immer eine offene Bar; man ist nie allein, wenn
man gegen Mittag noch Croissants und Kaffee ordert.
Zum Einstieg verordnen wir uns ein kräftiges Erlebnis. Eine ganz grosse Leinwand
muss her. Die Wahl fällt auf das Gaumont Grand Ecran an der Place
d'Italie. [Leider seit Januar 2006 geschlossen; Anmerkung der Kinokompendium
Redaktion] seit Der japanische Architekt Kenzo Tabge hat zwei marmorverschalte
Achtstöcker errichtet und sie durch eine filigrane Glashalle verbunden. Der
Saal im Untergrund mit 635 fächerartig angeordneten Plätzen orientiert
sich auf eine über zwanzig Meter breite Leinwand. Die Tonausrüstung
ist perfekt, das Programm publikumsorientiert. Meist besetzen deshalb amerikanische
Filme die Leinwand. Wochenlang durchdonnerten Saurier diesen Saal und beugten
sich in Originalgrösse über die sich in tiefen Fauteuils kauernden Zuschauer.
Der Film war wie gemacht für 'Grand Ecran', alle zwei bis drei Stunden gab's
Vorstellungen: also auch um drei, fünf und acht Uhr morgens. Wir sehen uns
Oliver Stones 'Heaven and Earth' an, in dem - auch nicht schlecht - Ho Chi Minhs
Krieger tadellos amerikanisch sprechen.
Mit
der Hochbahn fahren wir nach Denfert-Rochereau und spazieren am Observatorium
vorbei durch den Jardin du Luxembourg zu unserer nächsten Destination. Ich
erzähle meiner Begleiterin von der harten Konkurrenz zwischen den beiden
französischen Filmriesen Union générale cinématographique
(UGC) und Gaumont. Seit Gaumont in den vergangenen Jahren fast sämtliche
Theater der Firma Pathé übernommen hat, nahm der Kampf um Kunden dramatische
Formen an. Hätte das Kulturministerium nicht eingegriffen und die Marktanteile
auf 42 Prozent begrenzt, wäre wohl bald der letzte Blockfreie zwischen den
Fronten erdrückt worden. Auf zwei Arten hat der Besucher profitiert: Die
Giganten versuchen durch hervorragende Saalausstattung und Preissenkungen Kunden
an sich zu binden.
L'Arlequin, 76, rue
de Rennes, ist ein wunderbares Kino, das unmöglich aus der Pariser Kinogeschichte
wegzudenken ist. Hier kann man alte und exotische Filme in einem geschmackvoll
renovierten Saal mit 420 Fauteuils und zwölf Meter breiter Leinwand anschauen.
Dabei wird die 70-mm-Tradition besonders gepflegt. Wir treffen auf den in 24 Ländern
gedrehten Dokumentarfilm 'Baraka' von John Fricke, der eben Anthony Manns 'El
Cid' abgelöst hat. Wir ärgern uns ein bisschen. Das Filmtheater, dessen
architektonische Grossartigkeit beim breitgespannten Vordach anfängt und
beim Aschenbecher aufhört, erhielt seinen Namen in den fünfziger Jahren
von dem damaligen Patron Jacques Tati. 1978 bis 1992 wurde es dann zum 'Cosmos',
Vitrine des Sowjetfilmes in Frankreich. Heute ist das Kinopanorama freilich frisch
renoviert und spielt mit Vorliebe Walt Disney. Der russische Film hingegen wurde
in Paris heimatlos.
Wir beschliessen, die 20-Uhr-Vorstellung dem Abendessen zu opfern, und schlendern
durch das freundliche Saint-Sulpice-Quartier ins Lucernaire-Forum
an der Rue Notre-Dame des Champs. In dieser ehemaligen Fabrik haben drei Theater,
drei Kinos, eine Galerie, eine Buchhandlung und ein Restaurant Platz gefunden.
Das Projekt ist selbst verwaltet, die Qualität der Restaurantküche aber
besser als jene der Filmprojektion.
Verwöhnt verzichten wir und wenden uns einem weiteren beeindruckenden Riesentheater
zu, das Neuheiten spielt. Weil die meisten Pariserinnen und Pariser genauso gehandelt
hätten, ist der Anteil der Studiokinos in den letzten zehn Jahren um zehn
Prozent auf ein Fünftel der Pariser Säle gefallen.
Das Grand Bretagne ist unbestrittene Königin des Ausgehviertels um
den Bahnhof Montparnasse. Es wurde erst in den sechziger Jahren erbaut und ist
im Originalzustand erhalten. Vergoldete Türen, Kupferhandläufe, ein
grosser Balkon und schwere Blautöne tauchen das Kino in einen Hauch von Prunk.
Tonanlage, Fauteuils und Leinwand wurden aber modernisiert. Wir sehen 'Montparnasse
Pondichéry' von Yves Robert, eine Komödie über Erwachsenenbildung
und Erwachsenenliebe. Es ist auch in Paris ein nicht allzu häufiges Glück,
einen französischen Film auf einem grossen Tuch sehen zu können!
Am nächsten Morgen sichern wir uns in der Vidéothèque de
Paris [Jetzt heißt es Forum
des Images, Porte Saint-Eustache; Anmerkung der Kinokompendium Redaktion].
zwei Plätze. Die Pariser Filmothek an der Place Carrée in den Hallen
besitzt Kopien fast aller Filme, die in Paris gedreht oder von Parisern mitgestaltet
wurden. Der schwarz ausgekleidete Visionierungsraum weckt Erinnerungen an Raumschiff
Enterprise: Die Benutzer plazieren sich in hohen, schwarzen Fauteuils, in deren
Nackenstützen auch die Lautsprecher integriert sind. Auf einer kleinen Tastatur
wählen sie aus den fünftausend verfügbaren Filmen. Diese werden
im durch eine Scheibe abgetrennten Nebenraum von einem Roboter in die Videogeräte
eingelegt, und das Bild erscheint auf dem in ein futuristisch wirkendes Terminal
integrierten Bildschirm. Wir wählen einen Balzac-Inszenierung. Doch was ist
ein Fernseher gegen ein schönes Kino?
Weil
am Nachmittag die Sonne ein wenig durch den blassen Pariser Himmel drückt
- Kinowetter in Gefahr -, flanieren wir entlang der Seine bis zu den Champs de
Mars. Wir beschliessen, den Tag den altehrwürdigen Kinos zu widmen. Einstieg;
La Pagode, 57bis, rue de Babylone. Dieser in Japan Stück um Stück
abgebaute und nach Frankreich verschiffte Tempel wurde 1896 von einem Direktor
des vornehmen Kaufhauses Bon Marché seiner Gattin zur Hochzeit geschenkt.
Der japanische Saal ist mittelgross, die Leinwand anständig. Wir sehen den
verrückt-dekadenten Streifen 'Kika' des Spaniers Pedro Almodóvar.
Offenbar war gerade kein asiatischer Film - auf solche ist das Kino spezialisiert
- verfügbar.
Die 10-Uhr-Vorstellung soll zum Höhepunkt unserer Reise werden. Wir verpflegen
uns fliegend, reisen ins Herz der Stadt an die grossen Boulevards. Dort thront,
zuvorderst am Boulevard Poissonnière, Le Grand
Rex,
das grösste Kino Europas. Weit ragt sein Turm mit der roten Leuchtschrift
in den Himmel, und die weiße Fassade des Baus aus den dreissiger Jahren
ist verhängt mit grossflächigen Plakatmalereien. Der 'Grand Rex', 2750
Fauteuils, ist das einzige Pariser Riesenkino.
Es verkörpert Exotik, Luxus und Traum. Tiefe, flauschige Sessel, orientalische
Aufbauten über den zwei Balkongeschossen, Logen mit neubarocken Ballustraden
und über allem ein tiefblauer, mit ewig ziehenden Wolken dekorierter künstlicher
Himmel. Kino wird im 'Rex' zelebriert. Über die Weihnachtszeit begleitet
eine Wasserorgel, ein Spektakel mit Licht, Musik und rund vierhundert auf der
Bühne installierten Springbrunnen, die Projektion des neuesten Filmes aus
dem Hause Disney.
Wenn nicht die Springbrunnen glitzern, finden im 'Grand Rex' Projektionen in 'grande
et large' statt. Dann entrollt das Kino eine 24 Meter breite, frei an der Decke
hängenden Leinwand und manifestiert so seine überwältigende Grösse.
Wir
sind ein wenig erschlagen, auch überwältigt, von diesem außerordentlichen
Saal. Schlendernd beschliessen wir, die zahlreichen samstäglichen Mitternachtsvorstellungen
ausfallen zu lassen, queren die grossen Boulevards und grüssen bedauernd
zum Max-Linder-Panorama
hinüber, einem sehr schön renovierten Grosskino mit zwei Balkonen, dessen
Besuch nun leider ausfällt.
Sonntag morgen. Wir lassen uns vom dem mittlerweile tadellosen Wetter nicht beirren
und besuchen das Musée du Cinéma im Palais de Chaillot [Jetzt im neuen
Gebäude der Cinémathèque
in der Rue de Bercy; Anmerkung der Kinokompendium Redaktion]. Der Sammler
Henri Langlois hat dort eine Unzahl von Kostümen, Plakaten, Requisiten und Bühnenbildern
aus vorwiegend französichen Filmen zusammengetragen. Wohlig erschaudern wir über
der von Hitchcock persönlich vermachten Puppe, die in 'Psycho' die tote Mutter
darstellt. In einer angegliederten Bibliothek werden alte Filmzeitschriften und
Scripts aufbewahrt. Der junge Amerikaner, der uns führte, hat uns eingestimmt.
Nach dem Museumsbesuch wechseln wir in die benachbarte Cinémathèque,
wo alte Filmdokumente gezeigt werden. Die Leinwand ist quadratisch, damit Stummfilme
im Originalformat gezeigt werden können. Neben dem Studio
28 im Montmartre und dem Theater Odéon, wo gelegentlich gar Klavier-
und Orchestarbegleitung organisiert werden, ist der Weltausstellungsbau von 1937
wichtigster Treffpunkt für Freunde alter Filme.
Auf dem Weg zum Bahnhof stellen wir fest, dass wir in drei Tagen für Kinoeintritte
weniger ausgegeben haben als für ein Abendessen im 'Moulin Rouge' oder 'Lido'.
Als der TGV sich dann dem Jura nähert, nieselt es bereits wieder - Kinowetter!
[© Die Weltwoche 17. Februar 1994 von Jürg
Burri]
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Grab des Kinopioniers Georges Méliès
auf dem Friedhof Père Lachaise &
'Le Grand Rex' Werbung an Hauswand, Oktober 2000;
Max Linder Panorama Oktober 2006 (von oben) © kinokompendium |
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