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 © Die Weltwoche 17. Februar 1994 von Jürg Burri

Der TGV steht bereits in der trostlosen Halle des Bernauer Bahnhofes, und das Wetter ist mehr als lausig. Wir brechen aus; entziehen uns Winter und Welt für drei Tage - nicht in der Karibik, sondern in den über vierhundert Pariser Kinos. Nirgends sonst in Europa trifft man so häufig auf die gelungene Verbindung von perfekter Einrichtung - Tonanlage, Leinwand, Fauteuil - und Kinoarchitektur.
Kurz vor Mittag erreichen wir die Gare de Lyon. Wir bummeln zur Bastille und beziehen unser Hotel im Marais. Das Viertel haben wir gewählt, weil von dort eine direkte Metroline zu den Filmtempeln an den Grands Boulevards, eine andere zu jenen in den Champs-Elysées führt. Zu den Kleintheatern im Quartier Latin können wir via Ile St-Louis bequem zu Fuss übersetzen. Und im Marais finden Spätheimkehrer immer eine offene Bar; man ist nie allein, wenn man gegen Mittag noch Croissants und Kaffee ordert.

Zum Einstieg verordnen wir uns ein kräftiges Erlebnis. Eine ganz grosse Leinwand muss her. Die Wahl fällt auf das Gaumont Grand Ecran an der Place d'Italie. [Leider seit Januar 2006 geschlossen; Anmerkung der Kinokompendium Redaktion] seit Der japanische Architekt Kenzo Tabge hat zwei marmorverschalte Achtstöcker errichtet und sie durch eine filigrane Glashalle verbunden. Der Saal im Untergrund mit 635 fächerartig angeordneten Plätzen orientiert sich auf eine über zwanzig Meter breite Leinwand. Die Tonausrüstung ist perfekt, das Programm publikumsorientiert. Meist besetzen deshalb amerikanische Filme die Leinwand. Wochenlang durchdonnerten Saurier diesen Saal und beugten sich in Originalgrösse über die sich in tiefen Fauteuils kauernden Zuschauer. Der Film war wie gemacht für 'Grand Ecran', alle zwei bis drei Stunden gab's Vorstellungen: also auch um drei, fünf und acht Uhr morgens. Wir sehen uns Oliver Stones 'Heaven and Earth' an, in dem - auch nicht schlecht - Ho Chi Minhs Krieger tadellos amerikanisch sprechen.

Mit der Hochbahn fahren wir nach Denfert-Rochereau und spazieren am Observatorium vorbei durch den Jardin du Luxembourg zu unserer nächsten Destination. Ich erzähle meiner Begleiterin von der harten Konkurrenz zwischen den beiden französischen Filmriesen Union générale cinématographique (UGC) und Gaumont. Seit Gaumont in den vergangenen Jahren fast sämtliche Theater der Firma Pathé übernommen hat, nahm der Kampf um Kunden dramatische Formen an. Hätte das Kulturministerium nicht eingegriffen und die Marktanteile auf 42 Prozent begrenzt, wäre wohl bald der letzte Blockfreie zwischen den Fronten erdrückt worden. Auf zwei Arten hat der Besucher profitiert: Die Giganten versuchen durch hervorragende Saalausstattung und Preissenkungen Kunden an sich zu binden.
L'Arlequin, 76, rue de Rennes, ist ein wunderbares Kino, das unmöglich aus der Pariser Kinogeschichte wegzudenken ist. Hier kann man alte und exotische Filme in einem geschmackvoll renovierten Saal mit 420 Fauteuils und zwölf Meter breiter Leinwand anschauen. Dabei wird die 70-mm-Tradition besonders gepflegt. Wir treffen auf den in 24 Ländern gedrehten Dokumentarfilm 'Baraka' von John Fricke, der eben Anthony Manns 'El Cid' abgelöst hat. Wir ärgern uns ein bisschen. Das Filmtheater, dessen architektonische Grossartigkeit beim breitgespannten Vordach anfängt und beim Aschenbecher aufhört, erhielt seinen Namen in den fünfziger Jahren von dem damaligen Patron Jacques Tati. 1978 bis 1992 wurde es dann zum 'Cosmos', Vitrine des Sowjetfilmes in Frankreich. Heute ist das Kinopanorama freilich frisch renoviert und spielt mit Vorliebe Walt Disney. Der russische Film hingegen wurde in Paris heimatlos.

Wir beschliessen, die 20-Uhr-Vorstellung dem Abendessen zu opfern, und schlendern durch das freundliche Saint-Sulpice-Quartier ins Lucernaire-Forum an der Rue Notre-Dame des Champs. In dieser ehemaligen Fabrik haben drei Theater, drei Kinos, eine Galerie, eine Buchhandlung und ein Restaurant Platz gefunden. Das Projekt ist selbst verwaltet, die Qualität der Restaurantküche aber besser als jene der Filmprojektion.
Verwöhnt verzichten wir und wenden uns einem weiteren beeindruckenden Riesentheater zu, das Neuheiten spielt. Weil die meisten Pariserinnen und Pariser genauso gehandelt hätten, ist der Anteil der Studiokinos in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent auf ein Fünftel der Pariser Säle gefallen.

Das Grand Bretagne ist unbestrittene Königin des Ausgehviertels um den Bahnhof Montparnasse. Es wurde erst in den sechziger Jahren erbaut und ist im Originalzustand erhalten. Vergoldete Türen, Kupferhandläufe, ein grosser Balkon und schwere Blautöne tauchen das Kino in einen Hauch von Prunk. Tonanlage, Fauteuils und Leinwand wurden aber modernisiert. Wir sehen 'Montparnasse Pondichéry' von Yves Robert, eine Komödie über Erwachsenenbildung und Erwachsenenliebe. Es ist auch in Paris ein nicht allzu häufiges Glück, einen französischen Film auf einem grossen Tuch sehen zu können!

Am nächsten Morgen sichern wir uns in der Vidéothèque de Paris [Jetzt heißt es Forum des Images, Porte Saint-Eustache; Anmerkung der Kinokompendium Redaktion]. zwei Plätze. Die Pariser Filmothek an der Place Carrée in den Hallen besitzt Kopien fast aller Filme, die in Paris gedreht oder von Parisern mitgestaltet wurden. Der schwarz ausgekleidete Visionierungsraum weckt Erinnerungen an Raumschiff Enterprise: Die Benutzer plazieren sich in hohen, schwarzen Fauteuils, in deren Nackenstützen auch die Lautsprecher integriert sind. Auf einer kleinen Tastatur wählen sie aus den fünftausend verfügbaren Filmen. Diese werden im durch eine Scheibe abgetrennten Nebenraum von einem Roboter in die Videogeräte eingelegt, und das Bild erscheint auf dem in ein futuristisch wirkendes Terminal integrierten Bildschirm. Wir wählen einen Balzac-Inszenierung. Doch was ist ein Fernseher gegen ein schönes Kino?

Weil am Nachmittag die Sonne ein wenig durch den blassen Pariser Himmel drückt - Kinowetter in Gefahr -, flanieren wir entlang der Seine bis zu den Champs de Mars. Wir beschliessen, den Tag den altehrwürdigen Kinos zu widmen. Einstieg; La Pagode, 57bis, rue de Babylone. Dieser in Japan Stück um Stück abgebaute und nach Frankreich verschiffte Tempel wurde 1896 von einem Direktor des vornehmen Kaufhauses Bon Marché seiner Gattin zur Hochzeit geschenkt. Der japanische Saal ist mittelgross, die Leinwand anständig. Wir sehen den verrückt-dekadenten Streifen 'Kika' des Spaniers Pedro Almodóvar. Offenbar war gerade kein asiatischer Film - auf solche ist das Kino spezialisiert - verfügbar.

Die 10-Uhr-Vorstellung soll zum Höhepunkt unserer Reise werden. Wir verpflegen uns fliegend, reisen ins Herz der Stadt an die grossen Boulevards. Dort thront, zuvorderst am Boulevard Poissonnière, Le Grand Rex, das grösste Kino Europas. Weit ragt sein Turm mit der roten Leuchtschrift in den Himmel, und die weiße Fassade des Baus aus den dreissiger Jahren ist verhängt mit grossflächigen Plakatmalereien. Der 'Grand Rex', 2750 Fauteuils, ist das einzige Pariser Riesenkino.
Es verkörpert Exotik, Luxus und Traum. Tiefe, flauschige Sessel, orientalische Aufbauten über den zwei Balkongeschossen, Logen mit neubarocken Ballustraden und über allem ein tiefblauer, mit ewig ziehenden Wolken dekorierter künstlicher Himmel. Kino wird im 'Rex' zelebriert. Über die Weihnachtszeit begleitet eine Wasserorgel, ein Spektakel mit Licht, Musik und rund vierhundert auf der Bühne installierten Springbrunnen, die Projektion des neuesten Filmes aus dem Hause Disney.
Wenn nicht die Springbrunnen glitzern, finden im 'Grand Rex' Projektionen in 'grande et large' statt. Dann entrollt das Kino eine 24 Meter breite, frei an der Decke hängenden Leinwand und manifestiert so seine überwältigende Grösse.

Wir sind ein wenig erschlagen, auch überwältigt, von diesem außerordentlichen Saal. Schlendernd beschliessen wir, die zahlreichen samstäglichen Mitternachtsvorstellungen ausfallen zu lassen, queren die grossen Boulevards und grüssen bedauernd zum Max-Linder-Panorama hinüber, einem sehr schön renovierten Grosskino mit zwei Balkonen, dessen Besuch nun leider ausfällt.

Sonntag morgen. Wir lassen uns vom dem mittlerweile tadellosen Wetter nicht beirren und besuchen das Musée du Cinéma im Palais de Chaillot [Jetzt im neuen Gebäude der Cinémathèque in der Rue de Bercy; Anmerkung der Kinokompendium Redaktion]. Der Sammler Henri Langlois hat dort eine Unzahl von Kostümen, Plakaten, Requisiten und Bühnenbildern aus vorwiegend französichen Filmen zusammengetragen. Wohlig erschaudern wir über der von Hitchcock persönlich vermachten Puppe, die in 'Psycho' die tote Mutter darstellt. In einer angegliederten Bibliothek werden alte Filmzeitschriften und Scripts aufbewahrt. Der junge Amerikaner, der uns führte, hat uns eingestimmt. Nach dem Museumsbesuch wechseln wir in die benachbarte Cinémathèque, wo alte Filmdokumente gezeigt werden. Die Leinwand ist quadratisch, damit Stummfilme im Originalformat gezeigt werden können. Neben dem Studio 28 im Montmartre und dem Theater Odéon, wo gelegentlich gar Klavier- und Orchestarbegleitung organisiert werden, ist der Weltausstellungsbau von 1937 wichtigster Treffpunkt für Freunde alter Filme.

Auf dem Weg zum Bahnhof stellen wir fest, dass wir in drei Tagen für Kinoeintritte weniger ausgegeben haben als für ein Abendessen im 'Moulin Rouge' oder 'Lido'. Als der TGV sich dann dem Jura nähert, nieselt es bereits wieder - Kinowetter!

[© Die Weltwoche 17. Februar 1994 von Jürg Burri]

Grab des Kinopioniers Georges Méliès auf dem Friedhof Père Lachaise &
'Le Grand Rex' Werbung an Hauswand, Oktober 2000;
Max Linder Panorama Oktober 2006 (von oben) © kinokompendium

Aussenaufnahme Cinéma Mac-Mahon, Oktober 2000 © kinokompendium
Anmerkung Kinokompendium: Da es sich bei diesem Artikel um einen Nachdruck handelt, lassen wir ihn unverändert als historisches Dokument im Kinokompendium. Trotz der Änderungen zeigt der Artikel wie viel Spaß ein Besuch der Pariser Kinoszene machen kann.

Auch das Cinéma Mac-Mahon, in der Avenue Mac-Mahon, ist einen Besuch wert. Einen Steinwurf vom Arc de Triomphe entfernt, findet man das kleine aber sehr stilvolle Programmkino, welches sich auf amerikanische Klassiker aus allen Jahrzehnten spezialisiert hat (natürlich in Originalfassungen).

[Ben 10'07]


Saal Cinéma Mac-Mahon, um 2000 © Cinéma Mac-Mahon / Claude Bestel