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 Beschreibung
Ich lande Mitte März 2006 in Sydney und steuere, Dank vorheriger Recherche, gleich am ersten Abend gezielt das 1929 eröffnete State Theatre in der Market Street an. Dieser Kinopalast war einer der letzten erbauten Australiens vor der weltweiten Depression 1929/34. Zunächst wurde allein dem australischen Architekten Henry White das Design zugeschrieben, aber bei späteren Recherchen kam heraus, das auch der amerikanische Architekt John Eberson seine Hand im Spiel gehabt hatte.

Das 'State Theatre' ist, trotz einiger Änderungen seit der Eröffnung immer noch ein Palast der einen nur ins Staunen versetzt. In der gotischen dreistöckigen Kassenhalle mit goldener Fächergewölbe Decke (die eine Reproduktion der Kapelle Heinrichs VII in Westminster Abbey ist) stehen über den bronzenen Türen die lebensgroßen Figuren von König Arthur und dem heiligen Georg. Von dort gelangt man in das eigentliche Foyer. Eine Rotunde mit einer grandiosen Kuppel, in der ein Kristallkronleuchter hängt. Von hier führt ein zentraler Durchgang zum ersten Rang (Royal Mezzanine), der ebenerdig liegt. Während man über Treppen in die Tiefe zum Parkett (Stalls) steigen muss, führen zwei Marmortreppen entlang der Rotunde eine Etage höher zum zweiten Rang (Dress Circle). Insgesamt gibt es 2684 Plätze.

Goldene Decke in der Kassenhalle im 'State Theatre', undatiert © The State Theatre
Für den Komfort des Besuchers blieben zur Eröffnung keine Wünsche offen. Sechs Gesellschaftsräume, jeder in einem anderen Stil dekoriert, boten dem Gast sich vor und nach der Vorstellung zu treffen oder noch mal aufzufrischen. Für die Herren: 'The Empire Builders Room' im Tudorstil (die letzte Periode des gotischen Stils im Übergang zur Renaissance) mit Ölgemälden von britischen Staatsmännern und Kriegern, 'The College Room' ebenfalls im Tudorstil mit Kamin und 'The Pioneer Room' im Stil einer einfachen Hütte eines 'Hinterwälders' mit ausgestopften Tieren und Waffen an den Wänden. Für die Damen: 'The Pompadur Room' gestaltet wie ein Boudoir einer französischen Geliebten des Hofes (Originaltext Souvenir Magazin), 'The Butterfly Room' mit Spiegeln und Wandbemalungen von Schmetterlingen in sanften Farben und 'The Futurist Room' mit kubistischen und Modern Art Möbeln und Wandbemalungen. Diese Gesellschaftsräume sind nur noch teilweise erhalten und dem Publikum zugänglich. Einige Einrichtungsgegenstände wurde während des 2. Weltkrieges in Sicherheit gebracht und kehrten anschließend nie wieder an ihren angestammten Platz zurück. Aber vor allem wurden über die Jahre hinweg viele Gegenstände geklaut.

Fassade 'State Theatre' in der Market Street, März 2006 (links) © kinokompendium
Saal 'State Theatre', undatiert (rechts) © The State Theatre
Ebenfalls einmalig in einem Kino dürfte 'The Gallery of Australien Art' sein. 40 Gemälde (ausgewählt aus 2000 eingereichten) von damals zeitgenössischen Künstlern zieren den Wandelgang des 'Dress Circle'. Ihr Wert ist über die Jahre konstant gewachsen und heute umso mehr einen Blick wert.

Natürlich gibt es neben all den fantastischen Blickfängen im Foyer (eine Beschreibung aller Besonderheiten könnte Platz in einem Buch finden) auch noch den gigantischen Saal. Nicht ohne Grund wird die Decke 'The Golden Dome' genannt. Die komplette Decke besteht aus goldverzierten Arabesken. Im Zentrum hängt ein dreieinhalb Tonnen Kristallkronleuchter umgeben von 13 weitern Kronleuchtern, die entlang des Dress Circle hängen. Die roten Samtklappsessel und der rote Vorhang bilden einen wunderschönen Kontrast zur Decke.

Kristalleuchter im Saal des 'State Theatre', undatiert © The State Theatre
Es gibt nun zwei Möglichkeiten das 'State Theatre' zu bewundern. Entweder nimmt man an der lohnenswerten Besichtigungstour durch das Theater teil, bei dem einen viel über die Geschichte erzählt wird (langfristige Voranmeldung ist notwendig) oder man kauft eine Karte für eine der Veranstaltungen. Während des Sydney Film Festival werden Filme gezeigt, ansonsten wird das Theater den Rest des Jahres für Konzerte und Musicals genutzt. Da leider zu dem Zeitpunkt meines Besuches keine Besichtigungstour stattfindet, kaufe ich mir eine Karte für die Sängerin 'Bic Runga' und erlebe ein sehr stimmungsvolles Konzert. Wie man das 'State Theatre' auch immer besucht, es ist ein absolutes Muss!

'Hayden Orpheum' in Cremorne / Sydney, März 2006 © kinokompendium
Am dritten Abend, nachdem sich mein Jetlag ein wenig gelegt hat, kreuze ich mit der Fähre entlang der Harbour Bridge übers Wasser und nehme den Bus nach Cremorne. Denn wenn man einen Film in einem regulären Kino gucken will, bleibt eigentlich nur der Weg nördlich vom Sydney Hafen ins Hayden Orpheum. Am 3. Oktober 1935 wurde das vom Architekten George Kenworthy entworfene Art Deco Kino als 'The Cremorne Orpheum' mit 1735 Sitzplätzen in einem Saal eröffnet. 1977 schloss das Kino erstmals und wurde in der Zeit von 1980 bis 1984 von einem neuen Betreiber geleast. Vor allem in dieser Zeit wurden elementare Änderungen an dem Gebäude vorgenommen. Der Haupteingang, das Foyer und das Parkett des Kinos wurden zu Gunsten einer Geschäftsarkade geopfert.
Eine Kampagne 'Rettet das Orpheum' verhinderte anschließend den Abriss des Komplexes und führte zum Verkauf an Mike Walsh, der sich vornahm, das Kino nach und nach wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurück zubauen.
Über Jahrzehnte wurde das Kino durch neue Säle im Art Deco Stil erweitert und die Geschäftsarkade, nach dem Auszug des letzten Mieters, schließlich entfernt und zurück in eine Lobby verwandelt. So hat das Kino nun im Erdgeschoss eine großzügige Lobby und im ersten Stock eine gemütliche Piano Lobby. Alle Säle besitzen einen eigenen Namen, zumeist als Hommage an ein geschlossenes Kino aus der näheren Umgebung oder an ein Kino aus der Kindheit von Mike Walsh: 'The Arcadia', 'The Hayden', 'The Orpheum' (Rang des ursprünglichen Saals von 1935), 'The Rex' und 'The Walsh'. Im 'Orpheum' gibt es zusätzlich eine Wurlitzer Orgel, die bereits 1925 in Betrieb ging und aus Fresno in Kalifornien stammt.
Im 'Hayden Orpheum' kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, und jedes aufeinander abgestimmte Detail in jedem Saal begeistert. Da, wie so oft in diesen Fällen, Bilder mehr sagen als Worte, empfehle ich Ihnen sich die 'Orpheum Tour' auf der offiziellen Webseite anzuschauen. Unbedingt ein Besuch wert!

'Enmore Theatre' (links) & 'The Metro' (rechts), März 2006 © kinokompendium
Im 'Hayden Orpheum' komme ich durch Zufall mit Stuart ins Gespräch. Wie sich herausstellt macht er normalerweise die Touren im 'State Theatre' und ist exzellenter Kenner der Kinoszene in Sydney. Wir verabreden uns für den nächsten Abend, damit er mir eine kleine persönliche Kinotour durch die Stadt geben kann.

Der erste Stopp führt uns zum ehemaligen Art Deco Kino Metro (früher 'The Minerva'). Das 'Metro' liegt in der Querstraße Orwell Street im Vergnügungs- und Rotlichtviertel Kings Cross. Es wurde Ende der 1930er von Bruce Dellit gebaut, der auch Sydneys Kriegsdenkmal im Hyde Park entworfen hat. 1948 wurde das Kino an den Kinokonzern 'MGM' ('Metro-Goldwyn-Mayer') verkauft und auf Grund dessen 1952 in 'Metro' umbenannt. Ende der 70er musste das Kino schließen, und Anfang der 80er wurde es von den Filmemachern George Miller ('Mad Max' Trilogie) und dem verstorbenen Produzenten Byron Kennedy gekauft und restauriert. Es ist immer noch die Zentrale der Filmproduktionsfirma 'Kennedy Miller Productions' und daher für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Trotzdem ist das Gebäude als Sehenswürdigkeit in den 'Historical Walking Tours' (sehr interessante Karten für selbstständige Touren durch die Stadt) aufgelistet, die man kostenfrei im Touristenbüro erhält.

Kinoexperte Stuart & Autor (von links) vor dem 'Enmore Theatre', Juni 2006
© kinokompendium
Anschließend fahren wir zum Enmore Theatre. Das Enmore Theatre stammt noch aus den Anfängen der Kinogeschichte und Informationen über die Anfänge variieren. Anscheinend wurde Anfang des 20 Jahrhunderts an selber Stelle Theater (und eventuell schon Filme) unter freiem Himmel hinter Blechwänden gezeigt. Verlässlicher scheint die Information, dass 1912 ein einfaches Dach installiert wurde und als 'Photo-play Theatre' definitiv mit Filmaufführungen begonnen wurde. Um 1920 wurde das 'Enmore Theatre' stark umgebaut und erhielt einen großen Teil seiner immer noch sichtbaren Struktur. Im Juli 1920 wurde das Kino mit Rang und insgesamt 3.000 Plätzen wieder eröffnet. Aus der Zeit stammt auch die Bezeichnung Vaudeville und ein Teil der Überdachung an der Fassade, die man immer noch sieht. Anscheinend wurde es 1936, nach der Übernahme durch den Kinokonzern 'Hoyts', erneut umgebaut und im Art Deco Stil renoviert. Ende der 60er begann auch hier ein starker Besucherrückgang und so stellte das 'Enmore Theatre' nach mehreren Betreiberwechseln 1984 seinen Betrieb als Kino ein. Durch die anschließende Übernahme des 'Australian Elizabethan Theatre Trust' und später 'Showcall' & 'Century Venues' wurde das Theater erhalten und restauriert. Heute ist es ein lebhafter Ort für Konzerte und Theater, mit einer Sitzkapazität zwischen 1.500 und 2.500 Plätzen. Die Musikfans werden sich im Café / Kassenraum an den vielen Plakaten mit Unterschriften Sattsehen können.

Abschließend schauen wir uns den gigantischen Backsteinbau des ehemaligen Kinopalast Capitol Theatre leider nur von Außen an. Das 'Capitol Theater' wurde gut ein Jahr vor dem 'State Theatre', am 7. April 1928, eröffnet. Es ist auf den Fundamenten des 'Hippodrome' erbaut, ein Zirkus / Variete Theater welches nach wenigen Jahren in Konkurs gegangen war. Hier kam es zur ersten Zusammenarbeit zwischen dem australischen Architekten Henry White und dem amerikanischen Architekten John Eberson. Vor allem seit der letzten Restaurierung im Jahr 1995 erstrahlt der atmosphärische Saal mit 2094 Sitzplätzen wieder. Ähnlich dem Le Grand Rex (ebenfalls von John Eberson entworfen) hat man auch hier den Eindruck in einem Innenhof aus der Renaissance zu sitzen. Im Gegensatz zum französischen Pendant, ist allerdings auch das Proszenium wie ein Gebäudeteil gebaut. Hier finden jetzt Theater- und Musicalaufführungen statt. Abseits einer regulären Vorstellung, kann man das 'Capitol Theater' nicht besuchen.

Von Sydney aus, bin ich für 3 Wochen nach Neuseeland geflogen um dann im April nach Australien zurück zukehren. Am ersten Tag in Melbourne mache ich am Vormittag eine sehr interessante Tour durch das 1870 errichtete Rathaus. Einer der Höhepunkte ist sicherlich das Auditorium mit einer Größe von ca. 30 x 30m. Dort wurde nach einem Feuer im Jahr 1925 die dritte Orgel eingebaut, die mit 6024 Orgelpfeifen gigantisch ist.

Gegenüber dem Rathaus, auf der anderen Straßenseite der Swanston Street, liegt das RMIT Capitol Theatre, ein ehemaliges Kino. Der 1924 eröffnete Saal ist vor allem durch die kunstvolle Decke des Architekten Walter Burley Griffin sehenswert. Einzelne kleine verzierte Blöcke stapeln sich übereinander und bilden vom Rang aus eine spitzzulaufende Decke in der 4000 farbige Lampen versteckt sind, die alle Farben des Regenbogens zeigen können (eine präzise Beschreibung fällt sehr schwer). 1965 wurde (wie im oben beschriebenen 'Hayden Orpheum') das Parkett zu Gunsten einer Einkaufsarkade geopfert. Der sehenswerte obere Teil des Saals blieb dadurch aber glücklicherweise intakt. Heute wird das 'RMIT Capitol Theatre' als Vorlesungssaal der 'RMIT' Universität genutzt. Aber für einzelne öffentliche Veranstaltungen wird der Saal auch genutzt, und sporadisch soll es Besichtigungstouren geben.
Da gerade technische Aufbauarbeiten für das Comedy Festival stattfinden, schleiche ich einfach in den Saal und bestaune die Decke. Drei Tage später kehre ich zusätzlich zu einer Comedy Aufführung in den Saal zurück, aber leider gab es nur weißes Licht in der Decke und nicht die beschriebenen Regenbogenfarben.

Vom 'Capitol Theatre' schlendere ich zum ehemaligen Kino Forum in der Flinders Street, welches jetzt von dem Unternehmer David Marriner betrieben wird. Ursprünglich hieß es 'The State' und gehörte 'Union Theatres' die eine Reihe sogenannter 'Million Dollar Theatres' in den 1920 und 30ern baute. Zu diesen Theatern gehörten auch die oben beschriebenen Kinos 'Capitol Theatre' in Sydney und 'State Theatre' in Sydney. Der atmosphärische Saal des 'The State / Forum' in Melbourne ist dem Saal des 'Capitol Theatre' in Sydney ähnlich.

'Forum' Sitze unterhalb des Rangs & große Party, undatiert © Marriner Theatres
'RMIT Capitol Theatre' Saal, undatiert (weiter oben) ©'RMIT Capitol Theatre'

Es wurde 1929 mit über 3400 Sitzplätzen eröffnet und erhielt ein spektakuläres Innendesign im Stile eines florentinischen Gartens mit blauen Sternenhimmel. Außen wurde eher der orientalische Stil gewählt. Im Jahr 1963 wurde dieses Kino in zwei Säle geteilt, das Parkett und 1. Rang wurde das 'Forum' der dritte Rang wurde das 'Rapallo'. Heute wird das 'Forum' für Konzerte genutzt, wofür die Sitzreihen im Parkett entfernt wurden. Ein großer Teil der damaligen Innenausstattung ist immer noch vorhanden, aber nicht so gut erhalten wie zum Beispiel das restaurierte 'Capitol Theatre' in Sydney. Erneut habe ich Glück, und durch den Bühneneingang wird gerade Equipment für ein Konzert geschoben und ich kann den Wachmann überreden, mich einen Blick in den Saal werfen zu lassen.


'Forum' (links) & 'Hoyts Melbourne Central' (rechts), April 2006 © kinokompendium

Am nördlichen Ende der Swanston Street werfe ich noch einen Blick in den Bahnhof Melbourne Central, dem ein Einkaufszentrum inklusive dem Multiplex Hoyts Melbourne Central angeschlossen ist. Dort wird in selektiven Sälen das Konzept 'Directors Suite' durchgeführt. Diesen kleineren intimeren Sälen ist eine separate Lounge mit Bar angeschlossen. In den Sälen gibt es Lederliegesessel und während der Vorführung einen Kellner, bei dem man Essen und Getränke bestellen kann.

Am Abend werde ich von John & Chris, Freunde von Stuart aus Sydney, abgeholt, die mir Ihr privates Heimkino (inklusive kleinem Kassenhäuschen) Rapollo zeigen, welches sie in ihrer Garage eingebaut haben.


Chris, einer meiner Kinoführer in Melbourne, im 'Rapollo', April 2006 © kinokompendium
Am nächsten morgen treffe ich mich erneut mit John & Chris, die mit mir an diesem Tag die ultimative Kinotheater Tour machen. Wir fahren nach South Yarra und besichtigen zu erst das Village Cinema Jam Factory. Über der Kasse stehen lebensgroße Figuren von Alfred Hitchcock, Audrey Hepburn und James Dean. In diesem Multiplex wird ähnlich wie bei 'Hoyts' unter dem Namen 'Gold Class' in Liegesesseln während des Films ein Menu mit Getränken und Service geboten. Dieses (im Jahr 2006) neue Konzept richtet sich wahrscheinlich überwiegend an Pärchen, die der Meinung sind, dass ihr Heimkino ja doch viel bequemer und gemütlicher ist, als es je ein Kinobesuch sein kann.

In der Nähe liegt das wesentlich interessantere Arthouse Cinema Como mit vier Sälen. Die Wände und Boden des Foyers sind überwiegend in schwarz eingerichtet, so dass die andersfarbigen Lampen und Sessel einem sofort ins Auge springen. Alles wirkt sehr stilsicher und aufeinander abgestimmt, so dass man den Eindruck bekommt, sich nicht einem Kino sondern in einem teurem Hotel zu befinden. Auch die gemütlichen Säle überzeugen sofort. Leider bleibt keine Zeit einen Film anzugucken, da wir noch viel vor uns haben.

Das 'Palais Theatre' (links) neben dem Eingang des 'Luna Park' (rechts)
in St. Kilda / Melbourne, April 2006 © kinokompendium
Wir steigen ins Auto und fahren nach St. Kilda. In der Nähe der Strandpromenade, neben dem 'Luna Park', liegt das imposante ehemalige Kino Palais Theatre. Es wurde 1927 mit ca. 2.400 Sitzplätzen gebaut. Seit der Eröffnung wurde wenig verändert aber auch eine Renovierung lag schon lange zurück. Wie auch schon das 'Forum' im Zentrum war es nun ein Ort für Konzertveranstaltungen. Wir schauen uns das Foyer an, in dem sich die Konzertkasse befindet. Der Betreiber lässt uns leider nicht in den Saal schauen (über Jahre hinweg wurde jede Anfrage den Saal anzuschauen abgewiesen), aber die Bühnentür auf der Rückseite ist offen, so dass ich doch schnell einen Blick reinwerfen kann, bevor ich rausgeschmissen werde. Seit dem Jahr 2007 befindet sich das 'Palais Theatre' in einem gigantischen Sanierungsgebiet, aus dem in ein paar Jahren ein neuer Kinokomplex, Geschäfte, Restaurants und Nachtclubs hervorgehen soll. Da das 'Palais Theatre' unter Denkmalschutz steht, sollte es anschließend wieder in neuem Glanz erstrahlen.

Nach einem kleinen Strandspaziergang geht es weiter nach Camberwell. Dort befinden sich die Rivoli Cinemas aus dem Jahr 1940. Die Architekten Taylor und Soilleux erbauten den 1.644 Sitzplätze Saal im Art Deco Stil und in einer neuen Bauweise, die zu einer herausragenden Akustik führte.
Auch wenn es von 1997 bis zum Jahr 2000 von 'Village Cinemas' zu einem Kinokomplex mit acht Sälen umgebaut wurde, bleiben viele schöne Elemente aus den Anfängen des Kinos erhalten, beziehungsweise wurden wieder restauriert. Der ursprüngliche Saal wurde horizontal entlang des Rangs geteilt (wie beim 'Hayden Orpheum' und 'Capitol Theatre'), so dass auch hier Teile des interessanten Decken und Wand Designs erhalten geblieben sind. Neben diesem ursprünglichen Saal ist vor allem das Foyer mit Kassen und der großen Treppe sehenswert. Wandverkleidung und integrierte Säulen, Teppiche und Treppengeländer versetzen einen zurück in die Zeit aus den Anfängen des Kinos. Vom kleinen Dachgarten kann man das Treiben auf der Straße verfolgen und die ursprüngliche gestreifte Backsteinfassade mit sechs Meter hoher metallischen Kinoschrift oberhalb des Haupteingangs bewundern.

In Balwyn besuchen wir das gleichnamige Balwyn Cinema, welches wie das 'Cinema Como' von 'Palace Cinemas' betrieben wird. Der ursprünglich eine Saal (erbaut in den 1920ern) wurde 1990 in drei Säle unterteilt, und im Jahr 2002 wurden noch zwei zusätzliche Säle angebaut. Ähnlich geschmackssicher wie das 'Cinema Como', wurden hier die Säle im Art Deco Stil eingerichtet und bieten für den Arthouse Kinogänger gleichzeitig den modernsten Komfort.

Eine sehr ähnliche Geschichte besitzt das extrem stilvolle Sun Theatre Yarraville. Ein Neonsonnensymbol thront auf dem zentralen Turm, an dem auch an beiden Seiten der Name des Kinos angebracht ist. Erstaunlicherweise ist die linke und rechte Hälfte der Frontfassade unterschiedlich. Links schmiegen sich die Wände und Vorbauten mit abgerundeten Ecken an den Turm an. Drei kleine rechteckige Fenster durchbrechen dabei den hellbraunen Backsteinunterbau. Auf der rechten Hälfte hingegen gibt es nur zwei schmucklose rechteckige Wände, deren Backsteinunterbau von einem runden Fenster unterbrochen wird. Es ist also anzunehmen, das sich die meisten Kinobesucher von der linken Seite des Gebäudes nähern, und somit auf der rechten Seite auf zusätzlichen Schmuck verzichtet wurde. Ursprünglich wurde das Kino 1938 mit einem Saal mit 1050 Sitzplätzen eröffnet und schloss irgendwann in den 1960 / 70ern. Es wurde über die Jahrzehnte hinweg völlig missachtet, so dass fast nur vier Wände übrig blieben. 1995 kaufte der jetzige Besitzer das alte Kino und renovierte es im Zeitraum zwischen 1998 und 2003.
Jetzt besitzt das Kino insgesamt sechs Säle mit 660 Sitzplätzen. Vier Säle befinden sich im ursprünglichen Gebäude und zwei in einem neuen Anbau auf dem Rückteil des Grundstücks. Das gesamte Gebäude wurde dem Art Deco Stil nachempfunden. Im Foyer ist der Boden und der geschwungene Holztresen mit den Initialen des Kinos versehen. Wie schon beim oben beschriebenen 'Hayden Orpheum', wurde jeder Saal nach einem ehemaligen Kino aus der Nachbarschaft benannt. Die Sessel sind teilweise mit Leder bezogen und besitzen hochwertige Holzrahmen. Zusätzlich besitzt jeder Saal einen Vorhang und durchgehend Teppich. Formen und Farben sind alle geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Kino wie man es sich schöner erträumen kann. Vor allem ein weiterer Beweis, dass es auch in den 1990ern eine andere Bauweise als simple Black-Box-Säle gab.

Zum Ende unserer Kinotour können mir am Abend John & Chris noch etwas ganz besonderes bieten. Sie haben die befreundete Theatermanagerin des Regent Theatre angerufen und von meinem Interesse an Kinobauten erzählt. Sie erlaubt mir das Regent Foyer und den Saal während der Pause des Musicals 'The Lion King' zu besuchen.

'The Regent' in Melbourne Aussenansicht (links) &
Foyer nach der Renovierung 1996, undatiert (rechts) © Marriner Theatres
Das 1929 im Gotik / Barock Stil errichtete Kino wurde von dem Kinounternehmen 'Hoyts' erbaut, die noch immer aktiv in Australien sind. Der Architekt Cedric Ballantyne wurde vorher von einem der Hoyts Geschäftsführer zu einer Kinotour durch die Welt eingeladen. Das 'Capitol' in New York beeindruckte so sehr, dass es für das 'Regent Theatre' als Vorlage galt.


'The Regent' Foyer & Saal nach der Renovierung 1996, undatiert © Marriner Theatres

Seit einer kompletten Renovierung von 1993 bis 1996 erstrahlt das Gebäude mit 3.277 Sitzplätzen wieder im alten Glanz (die Bilder sprechen wohl für sich selbst). Zur Wiedereröffnung wurde sogar ein Film gezeigt ('My Fair Lady'), generell wird aber das Theater jetzt für Musicalaufführungen genutzt. Die detaillierte Geschichte bis zur Wiedereröffnung im Jahr 1996 lässt sich in Frank Van Stratens Buch 'The Regent Theatre — Melbourne's Palace of Dreams' nachlesen, welches man auch vor Ort erwerben kann.

Abschließend besuche ich am nächsten Abend The Astor Theatre. Es wurde 1936 ebenfalls im Art Deco Stil erbaut und ist mit 1.100 Sitzplätzen, verteilt auf Parkett und Rang, das größte Einsaal-Kino Melbournes. Schon vor dem Bau des Astors befand sich seit 1908 auf dem Grundstück ein Kino, so dass hier eine lange Tradition fortgesetzt wird.


'The Astor Theatre' Melbourne, undatiert © The Astor Theatre

Das Foyer ist zweistöckig. Eine Marmortreppe neben der Kasse führt in den ersten Stock und ein großer ovaler Deckendurchbruch verbindet die beiden Etagen. Im Zentrum der Decke hängt ein Kristallleuchter und die geschwungenen Geländer als auch anderen Ornamente an Decken und Wänden verzaubern. Aber auch der Saal, mit gelbem Vorhang, Kristalleuchtern und ansprechender Wand und Deckenverzierung steht dem Foyer in nichts nach.



'The Astor Theatre' Melbourne, undatiert © The Astor Theatre
Zusätzlich ist das Programm der absolute Renner: Täglich wechselnde Filme, mit bis zu zwei Vorstellungen, populäre Klassiker und neuere Filme häufig als Double Feature gepaart (zwei Filme für den Preis von einem). Vor allem gibt es hier keine Klassiker die mit einem DVD Beamer aufgeführt werden, sondern noch alle auf Zelluloid, wie es sich für ein Kino gehört. Ein Traum, der hoffentlich noch lange erhalten bleibt. Ein Blick hinter die Kulissen kann man auch sporadisch (ca. einmal im Monat) werfen. Eine Tour beinhaltet Tee und einen Film.

Ich verlasse nun nach fünf aufregenden Tagen Melbourne und fahre innerhalb der nächsten drei Tage entlang der Great Ocean Road nach Adelaide. Im Vorort Marryatville steht das Chelsea Cinema.

'Chelsea' in Marryatville / Adelaide, Mai 2006 © kinokompendium
Es wurde 1925 als 'The Princess Theatre' mit 1500 Plätzen eröffnet und 1941 im Art Deco Stil umgebaut. In 1955, mit dem Einbau einer CinemaScope Leinwand, gab es erneute Änderungen im Saal. 1984 wurden das 1-Saal Kino erneut renoviert und die Sitzplätze drastisch von 1145 auf 586 reduziert, die sich auf einen Rang und das Parkett verteilen. Das denkmalgeschützte Kino besitzt immer noch viele sehenswerte Art Deco Elementen, sowohl im Saal als auch im Foyer.

Vom selben Betreiber wird auch noch das Piccadilly Theatre im Norden Adelaides geführt, welches 1940 eröffnete. Im Gegensatz zum 'Chelsea Cinema' wurde dieses Art Deco Kino allerdings über die Jahre hinweg stärker verändert und der ursprüngliche Saal 1990 horizontal geteilt um zwei weitere Säle im Erdgeschoss (dem ehemaligen Parkett) einbauen zu können.

'Piccadilly Theatre' Fassade (links) & Foyer (rechts), September 1999 © Wallis Theatres
Vor allem die Fassade gibt dem Kino immer noch seine ganz besondere Ausstrahlung. Über dem Eckeingang befindet sich ein halbrunder Vorbau, in dem sich die Wendeltreppe des Kinos befindet. Der halbrunde Vorbau ist dabei jeden Meter durch ein nach unten zeigendes pfeilförmiges Fenster durchbrochen, die wie die Treppe im Inneren leicht ansteigen und somit bei Tag als auch bei Nacht eine hübsches grafisches Muster bilden.

'Piccadilly Theatre' Saal 1, September 1999 © Wallis Theatres
Grandioser ist allerdings das Capri Theatre im Vorort Goodwood. Im Oktober 1941 als 'New Goodwood STAR Theatre' eröffnet, erhielt es 1967 seinen noch heute gültigen Namen und wurde im Dezember 1978 von der Theatre Organ Society of Australia erworben. Diese Übernahme war auch gleichzeitig Anlass die zweitgrößte Wurlitzer Orgel Australiens einzubauen und das Interieur liebevoll zu restaurieren. Die 782 Sessel im Parkett und Rang wurden erneuert, Teppiche mit einem Muster aus dem Jahre 1941 verlegt und die Wände in ihrem originalen Art Deco Muster und Farbgebung gestrichen. Auch die beiden Foyers im Erdgeschoss und ersten Stock laden seitdem wieder zum Verweilen ein. Ein Besuch mit einer Vorführung der Orgel vor dem Hauptfilm (dreimal die Woche) lohnt sich natürlich am meisten.

Von Adelaide besteige ich den 'Indian Pacific' Zug nach Perth. Von dort aus starte ich eine sechswöchige Tour entlang der Küste von Western Australian bis zum Northern Territory. In Broome an der nördlichen Westküste Australiens, dem Zentrum der australischen Perlenindustrie, leben ca. 14.000 Einwohner. Dort gibt es das älteste Freiluftkino ('picture gardens') der Welt, welches immer noch in Betrieb ist. Das Sun Picture Theatre - Chinatown wurde 1916 mit 500 Plätzen von Ted Hunter eröffnet. Die erste Tonfilmaufführung fand 1933 statt.

'Sun Picture Theatre - Chinatown' in Broome, Dezember 2006 © Alison Fletcher
Bis 1967 gab es Rassentrennung in Broome. So erhielten die Aboriginals als auch Asiaten die schlechteren Plätze mit einfachen Holzbänken, während die Weißen in der Mitte auf besseren Sitzen den Film anschauten. Heute sitzt man einheitlich in Liegestühlen. Trotzdem scheinen die Aboriginals vom öffentlichen Leben stärker ausgegrenzt zu sein, als damals. Die wenigen Ureinwohner die man in der Stadt sieht, sehen sehr verarmt aus, sitzen trinkend im Park und werden von dort in regelmäßigen Abständen von der Polizei vertrieben. Das Geld für einen Kinobesuch scheinen sie nicht zu haben.

'Sun Picture Theatre - Chinatown' in Broome, Juni 2006 © kinokompendium
An dem Kinobau hat sich seit der Eröffnung, trotz Überflutungen und Zyklone, kaum was geändert. An der Carnarvon Street befindet sich das Haus mit einem kleine einstöckigen Foyer, von dem man in den Garten gelangt. Das zweigieblige Metalldach überspannt die hinteren Sitzplätze. Unter dem Dach sind auch ein paar Erinnerungsstücke aus der fast 100 jährigen Kinogeschichte aufgestellt. Man kann das Kino entweder tagsüber als Touristenattraktion mit einer Audioführung besuchen oder nach Einbruch der Dunkelheit einen Kinofilm anschauen.

'Deckchair Cinema' in Darwin, undatiert © Darwin Film Society
Von Broome aus starten wir eine einwöchige Tour entlang der Gibb River Road, durch die Kimberleys bis zum jüngsten National Park Australiens, der Bergkette Bungle Bungle. Die Tour endet im Norden des Northern Territory in Darwin. Der Ort wurde bei der Landung der 'HMS Beagle' 1839 nach dem an Bord befindlichen Naturwissenschaftler Charles Darwin benannt. In dem Ort mit ca. 71.000 Einwohnern gibt es das Freiluftkino Deckchair Cinema. Am südlichen Ende des Bicentennial Park, liegt das Kinogelände direkt am Wasser neben dem Hafen. Während die Sonne untergeht, versammeln sich die Kinofreunde unter freiem Himmel und wählen einen der namensgebenden Liegestühle. Täglich wechselndes anspruchsvolles Programm wird hier von der Darwin Film Society von April bis November geboten.

'Deckchair Cinema' in Darwin, undatiert © Darwin Film Society
Von Darwin führt mich meine Reise in das Zentrum des Kontinents zum Uluru (Ayers Rock). Nach diesem Besuch fliege ich von Alice Springs nach Brisbane. Eine Stadt die offensichtlich keine so herausragenden Kinos mehr zu bieten hat. Das The Regent ist nämlich leider nur noch ein Schatten seiner früheren selbst. Nach dem Bau des 'Regent' in Melbourne, entstand hier unter gleichem Namen und ähnlichem Design 1929 ein weiterer Palast für die Kinogruppe Hoyts. Heute kann nur noch die 22 Meter lange Passage an der Queen Street und das angrenzenden kathedrale Foyer so wirklich begeistern. Ein Besuch, der noch nicht mal Eintritt kostet. 1978 wurde der ursprüngliche Saal mit 2.583 und zwei Rängen zerstört und vier neue Säle gebaut. Hoyts vereinbarte mit der Denkmalschutzbehörde das Foyer zu restaurieren und zu erhalten und dekorative Elemente aus dem ursprünglichen Saal wieder zu verwenden und in einem der vier Säle zu integrieren. Ebenfalls wurde das Foyer des ersten Rang erhalten. Die, die den ursprüngliche Saal noch kennen, finden diese Umwandlung in der Regel grauenhaft, aber wahrscheinlich ist das Kino immer noch sehenswerter als viele der neueren Kinos im Stadtzentrum.

So kommt nun meine große Australien / Neuseeland Reise zu einem Ende und ich verbringe noch einmal drei Tage in Sydney. Dort habe ich das Glück, das gerade das Sydney Film Festival am laufen ist, und ich tatsächlich in den Genuss einer Kinoaufführung im 'State Theatre' komme. Während die wunderbar dysfunktionale Familie in 'Little Miss Sunshine' durch Amerika fährt, bewundere ich noch einmal die wunderbare Atmosphäre des Saals. Kann es ein schöneres Ende geben?

[Ben 10'07]