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Ich lande Mitte März 2006 in Sydney und
steuere, Dank vorheriger Recherche, gleich am ersten Abend gezielt das 1929 eröffnete State
Theatre in der Market Street an. Dieser Kinopalast war einer der letzten erbauten Australiens
vor der weltweiten Depression 1929/34. Zunächst wurde allein dem australischen Architekten
Henry White das Design zugeschrieben, aber bei späteren Recherchen kam heraus, das auch
der amerikanische Architekt John Eberson seine Hand im Spiel gehabt hatte.
Das 'State Theatre' ist, trotz einiger Änderungen seit der Eröffnung immer
noch ein Palast der einen nur ins Staunen versetzt. In der gotischen dreistöckigen Kassenhalle
mit goldener Fächergewölbe Decke
(die eine Reproduktion der Kapelle Heinrichs VII in Westminster Abbey ist) stehen über
den bronzenen Türen die lebensgroßen Figuren von König Arthur und dem heiligen
Georg. Von dort gelangt man in das eigentliche
Foyer. Eine Rotunde mit einer grandiosen Kuppel, in der ein Kristallkronleuchter hängt.
Von hier führt ein zentraler Durchgang zum ersten Rang (Royal Mezzanine), der ebenerdig
liegt. Während man über Treppen in die Tiefe zum Parkett (Stalls) steigen muss, führen
zwei Marmortreppen entlang der Rotunde eine Etage höher zum zweiten Rang (Dress Circle).
Insgesamt gibt es 2684 Plätze. |

Goldene Decke in der Kassenhalle im 'State Theatre', undatiert © The
State Theatre |
| Für den Komfort des Besuchers blieben
zur Eröffnung keine Wünsche offen. Sechs Gesellschaftsräume, jeder in einem
anderen Stil dekoriert, boten dem Gast sich vor und nach der Vorstellung zu treffen oder noch
mal aufzufrischen. Für die Herren: 'The Empire Builders Room' im Tudorstil (die letzte
Periode des gotischen Stils im Übergang zur Renaissance) mit Ölgemälden von
britischen Staatsmännern und Kriegern, 'The College Room' ebenfalls im Tudorstil mit Kamin
und 'The Pioneer Room' im Stil einer einfachen Hütte eines 'Hinterwälders' mit ausgestopften
Tieren und Waffen an den Wänden. Für die Damen: 'The Pompadur Room' gestaltet wie
ein Boudoir einer französischen Geliebten des Hofes (Originaltext Souvenir Magazin), 'The
Butterfly Room' mit Spiegeln und Wandbemalungen von Schmetterlingen in sanften Farben und 'The
Futurist Room' mit kubistischen und Modern Art Möbeln und Wandbemalungen. Diese Gesellschaftsräume
sind nur noch teilweise erhalten und dem Publikum zugänglich. Einige Einrichtungsgegenstände
wurde während des 2. Weltkrieges in Sicherheit gebracht und kehrten anschließend
nie wieder an ihren angestammten Platz zurück. Aber vor allem wurden über die Jahre
hinweg viele Gegenstände geklaut. |

Fassade 'State Theatre' in der Market Street, März 2006 (links) © kinokompendium
Saal 'State Theatre', undatiert (rechts) © The State Theatre |
Ebenfalls einmalig in einem Kino dürfte
'The Gallery of Australien Art' sein. 40 Gemälde (ausgewählt aus 2000 eingereichten)
von damals zeitgenössischen Künstlern zieren den Wandelgang des 'Dress Circle'. Ihr
Wert ist über die Jahre konstant gewachsen und heute umso mehr einen Blick wert.
Natürlich gibt es neben all den fantastischen Blickfängen im Foyer (eine
Beschreibung aller Besonderheiten könnte Platz in einem Buch finden) auch
noch den gigantischen Saal. Nicht ohne Grund wird die Decke 'The Golden Dome'
genannt. Die komplette Decke besteht aus goldverzierten Arabesken. Im Zentrum
hängt ein dreieinhalb Tonnen Kristallkronleuchter umgeben von 13 weitern
Kronleuchtern, die entlang des Dress Circle hängen. Die roten Samtklappsessel
und der rote Vorhang bilden einen wunderschönen Kontrast zur Decke. |

Kristalleuchter im Saal des 'State Theatre', undatiert © The
State Theatre |
| Es gibt nun zwei Möglichkeiten das
'State Theatre' zu bewundern. Entweder nimmt man an der lohnenswerten Besichtigungstour durch
das Theater teil, bei dem einen viel über die Geschichte erzählt wird (langfristige
Voranmeldung ist notwendig) oder man kauft eine Karte für eine der Veranstaltungen. Während
des Sydney Film Festival werden
Filme gezeigt, ansonsten wird das Theater den Rest des Jahres für Konzerte und Musicals
genutzt. Da leider zu dem Zeitpunkt meines Besuches keine Besichtigungstour stattfindet, kaufe
ich mir eine Karte für die Sängerin 'Bic Runga' und erlebe ein sehr stimmungsvolles
Konzert. Wie man das 'State Theatre' auch immer besucht, es ist ein absolutes Muss! |

'Hayden Orpheum' in Cremorne / Sydney, März 2006 ©
kinokompendium |
Am dritten Abend, nachdem
sich mein Jetlag ein wenig gelegt hat, kreuze ich mit der Fähre entlang der
Harbour Bridge übers Wasser und nehme den Bus nach Cremorne. Denn wenn man
einen Film in einem regulären Kino gucken will, bleibt eigentlich nur der
Weg nördlich vom Sydney Hafen ins Hayden
Orpheum. Am 3. Oktober 1935 wurde das vom Architekten George Kenworthy entworfene
Art Deco Kino als 'The Cremorne Orpheum' mit 1735 Sitzplätzen in einem Saal
eröffnet. 1977 schloss das Kino erstmals und wurde in der Zeit von 1980 bis
1984 von einem neuen Betreiber geleast. Vor allem in dieser Zeit wurden elementare
Änderungen an dem Gebäude vorgenommen. Der Haupteingang, das Foyer und
das Parkett des Kinos wurden zu Gunsten einer Geschäftsarkade geopfert.
Eine Kampagne 'Rettet das Orpheum' verhinderte anschließend den Abriss des
Komplexes und führte zum Verkauf an Mike Walsh, der sich vornahm, das Kino
nach und nach wieder zu seiner ursprünglichen Pracht zurück zubauen.
Über Jahrzehnte wurde das Kino durch neue Säle im Art Deco Stil erweitert
und die Geschäftsarkade, nach dem Auszug des letzten Mieters, schließlich
entfernt und zurück in eine Lobby verwandelt. So hat das Kino nun im Erdgeschoss
eine großzügige Lobby und im ersten Stock eine gemütliche Piano
Lobby. Alle Säle besitzen einen eigenen Namen, zumeist als Hommage an ein
geschlossenes Kino aus der näheren Umgebung oder an ein Kino aus der Kindheit
von Mike Walsh: 'The Arcadia', 'The Hayden', 'The Orpheum' (Rang des ursprünglichen
Saals von 1935), 'The Rex' und 'The Walsh'. Im 'Orpheum' gibt es zusätzlich
eine Wurlitzer Orgel, die bereits 1925 in Betrieb ging und aus Fresno in Kalifornien
stammt.
Im 'Hayden Orpheum' kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, und jedes aufeinander
abgestimmte Detail in jedem Saal begeistert. Da, wie so oft in diesen Fällen,
Bilder mehr sagen als Worte, empfehle ich Ihnen sich die 'Orpheum Tour' auf der
offiziellen Webseite anzuschauen.
Unbedingt ein Besuch wert! |

'Enmore Theatre' (links) & 'The Metro' (rechts), März
2006 © kinokompendium |
Im 'Hayden Orpheum' komme
ich durch Zufall mit Stuart ins Gespräch. Wie sich herausstellt macht er
normalerweise die Touren im 'State Theatre' und ist exzellenter Kenner der Kinoszene
in Sydney. Wir verabreden uns für den nächsten Abend, damit er mir eine
kleine persönliche Kinotour durch die Stadt geben kann.
Der erste Stopp führt uns zum ehemaligen Art Deco Kino Metro (früher
'The Minerva'). Das 'Metro' liegt in der Querstraße Orwell Street im Vergnügungs-
und Rotlichtviertel Kings Cross. Es wurde Ende der 1930er von Bruce Dellit gebaut,
der auch Sydneys Kriegsdenkmal im Hyde Park entworfen hat. 1948 wurde das Kino
an den Kinokonzern 'MGM' ('Metro-Goldwyn-Mayer') verkauft und auf Grund dessen
1952 in 'Metro' umbenannt. Ende der 70er musste das Kino schließen, und
Anfang der 80er wurde es von den Filmemachern George Miller ('Mad Max' Trilogie)
und dem verstorbenen Produzenten Byron Kennedy gekauft und restauriert. Es ist
immer noch die Zentrale der Filmproduktionsfirma 'Kennedy Miller Productions'
und daher für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Trotzdem ist
das Gebäude als Sehenswürdigkeit in den 'Historical Walking Tours' (sehr
interessante Karten für selbstständige Touren durch die Stadt) aufgelistet,
die man kostenfrei im Touristenbüro
erhält. |

Kinoexperte Stuart & Autor (von links) vor dem 'Enmore
Theatre', Juni 2006
© kinokompendium |
Anschließend fahren
wir zum Enmore Theatre.
Das Enmore Theatre stammt noch aus den Anfängen der Kinogeschichte und Informationen
über die Anfänge variieren. Anscheinend wurde Anfang des 20 Jahrhunderts
an selber Stelle Theater (und eventuell schon Filme) unter freiem Himmel hinter
Blechwänden gezeigt. Verlässlicher scheint die Information, dass 1912
ein einfaches Dach installiert wurde und als 'Photo-play Theatre' definitiv mit
Filmaufführungen begonnen wurde. Um 1920 wurde das 'Enmore Theatre' stark
umgebaut und erhielt einen großen Teil seiner immer noch sichtbaren Struktur.
Im Juli 1920 wurde das Kino mit Rang und insgesamt 3.000 Plätzen wieder eröffnet.
Aus der Zeit stammt auch die Bezeichnung Vaudeville und ein Teil der Überdachung
an der Fassade, die man immer noch sieht. Anscheinend wurde es 1936, nach der
Übernahme durch den Kinokonzern 'Hoyts', erneut umgebaut und im Art Deco
Stil renoviert. Ende der 60er begann auch hier ein starker Besucherrückgang
und so stellte das 'Enmore Theatre' nach mehreren Betreiberwechseln 1984 seinen
Betrieb als Kino ein. Durch die anschließende Übernahme des 'Australian
Elizabethan Theatre Trust' und später 'Showcall' & 'Century Venues' wurde
das Theater erhalten und restauriert. Heute ist es ein lebhafter Ort für
Konzerte und Theater, mit einer Sitzkapazität zwischen 1.500 und 2.500 Plätzen.
Die Musikfans werden sich im Café / Kassenraum an den vielen Plakaten mit
Unterschriften Sattsehen können.
Abschließend schauen wir uns den gigantischen Backsteinbau des ehemaligen
Kinopalast Capitol
Theatre leider nur von Außen an. Das 'Capitol Theater' wurde gut ein
Jahr vor dem 'State Theatre', am 7. April 1928, eröffnet. Es ist auf den
Fundamenten des 'Hippodrome' erbaut, ein Zirkus / Variete Theater welches nach
wenigen Jahren in Konkurs gegangen war. Hier kam es zur ersten Zusammenarbeit
zwischen dem australischen Architekten Henry White und dem amerikanischen Architekten
John Eberson. Vor allem seit der letzten Restaurierung im Jahr 1995 erstrahlt
der atmosphärische Saal mit 2094 Sitzplätzen wieder. Ähnlich dem Le
Grand Rex (ebenfalls von John Eberson entworfen) hat man auch hier
den Eindruck in einem Innenhof aus der Renaissance zu sitzen. Im Gegensatz zum französischen
Pendant, ist allerdings auch das Proszenium wie ein Gebäudeteil gebaut. Hier finden
jetzt Theater- und Musicalaufführungen statt. Abseits einer regulären
Vorstellung, kann man das 'Capitol Theater' nicht besuchen.
Von Sydney aus, bin ich für 3 Wochen nach Neuseeland
geflogen um dann im April nach Australien zurück zukehren. Am ersten Tag
in Melbourne mache ich am Vormittag eine sehr interessante Tour durch das
1870 errichtete Rathaus.
Einer der Höhepunkte ist sicherlich das Auditorium mit einer Größe
von ca. 30 x 30m. Dort wurde nach einem Feuer im Jahr 1925 die dritte Orgel eingebaut,
die mit 6024 Orgelpfeifen gigantisch ist.
Gegenüber dem Rathaus, auf der anderen Straßenseite der Swanston Street,
liegt das RMIT Capitol Theatre, ein ehemaliges Kino. Der 1924 eröffnete
Saal ist vor allem durch die kunstvolle Decke des Architekten Walter Burley Griffin
sehenswert. Einzelne kleine verzierte Blöcke stapeln sich übereinander
und bilden vom Rang aus eine spitzzulaufende Decke in der 4000 farbige Lampen
versteckt sind, die alle Farben des Regenbogens zeigen können (eine präzise
Beschreibung fällt sehr schwer). 1965 wurde (wie im oben beschriebenen 'Hayden
Orpheum') das Parkett zu Gunsten einer Einkaufsarkade geopfert. Der sehenswerte
obere Teil des Saals blieb dadurch aber glücklicherweise intakt. Heute wird
das 'RMIT Capitol Theatre' als Vorlesungssaal der 'RMIT' Universität genutzt.
Aber für einzelne öffentliche Veranstaltungen wird der Saal auch genutzt,
und sporadisch soll es Besichtigungstouren geben.
Da gerade technische Aufbauarbeiten
für das Comedy
Festival stattfinden, schleiche ich einfach in den Saal und bestaune die Decke.
Drei Tage später kehre ich zusätzlich zu einer Comedy Aufführung
in den Saal zurück, aber leider gab es nur weißes Licht in der Decke
und nicht die beschriebenen Regenbogenfarben.
Vom 'Capitol Theatre' schlendere ich zum ehemaligen Kino Forum
in der Flinders Street, welches jetzt von dem Unternehmer David Marriner betrieben
wird. Ursprünglich hieß es 'The State' und gehörte 'Union Theatres'
die eine Reihe sogenannter 'Million Dollar Theatres' in den 1920 und 30ern baute.
Zu diesen Theatern gehörten auch die oben beschriebenen Kinos 'Capitol Theatre'
in Sydney und 'State Theatre' in Sydney. Der atmosphärische Saal des 'The
State / Forum' in Melbourne ist dem Saal des 'Capitol Theatre' in Sydney ähnlich. |

'Forum' Sitze unterhalb des Rangs & große Party,
undatiert © Marriner Theatres
'RMIT Capitol Theatre' Saal, undatiert (weiter oben) ©'RMIT Capitol Theatre' |
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Es wurde 1929 mit über 3400 Sitzplätzen eröffnet und erhielt
ein spektakuläres Innendesign im Stile eines florentinischen Gartens mit
blauen Sternenhimmel. Außen wurde eher der orientalische Stil gewählt.
Im Jahr 1963 wurde dieses Kino in zwei Säle geteilt, das Parkett und 1. Rang
wurde das 'Forum' der dritte Rang wurde das 'Rapallo'. Heute wird das 'Forum'
für Konzerte genutzt, wofür die Sitzreihen im Parkett entfernt wurden.
Ein großer Teil der damaligen Innenausstattung ist immer noch vorhanden,
aber nicht so gut erhalten wie zum Beispiel das restaurierte 'Capitol Theatre'
in Sydney. Erneut habe ich Glück, und durch den Bühneneingang wird gerade
Equipment für ein Konzert geschoben und ich kann den Wachmann überreden,
mich einen Blick in den Saal werfen zu lassen.
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'Forum' (links) & 'Hoyts Melbourne Central' (rechts),
April 2006 © kinokompendium |
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Am nördlichen Ende der Swanston Street werfe ich noch einen Blick in den
Bahnhof Melbourne Central, dem ein Einkaufszentrum inklusive dem Multiplex Hoyts
Melbourne Central angeschlossen ist. Dort wird in selektiven Sälen das
Konzept 'Directors Suite' durchgeführt. Diesen kleineren intimeren Sälen
ist eine separate Lounge mit Bar angeschlossen. In den Sälen gibt es Lederliegesessel
und während der Vorführung einen Kellner, bei dem man Essen und Getränke
bestellen kann.
Am Abend werde ich von John & Chris, Freunde von Stuart aus Sydney, abgeholt,
die mir Ihr privates Heimkino (inklusive kleinem Kassenhäuschen) Rapollo
zeigen, welches sie in ihrer Garage eingebaut haben.
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Chris, einer meiner Kinoführer in Melbourne, im 'Rapollo',
April 2006 © kinokompendium |
Am nächsten morgen
treffe ich mich erneut mit John & Chris, die mit mir an diesem Tag die ultimative
Kinotheater Tour machen. Wir fahren nach South Yarra und besichtigen zu erst das
Village Cinema Jam
Factory. Über der Kasse stehen lebensgroße Figuren von Alfred Hitchcock,
Audrey Hepburn und James Dean. In diesem Multiplex wird ähnlich wie bei 'Hoyts'
unter dem Namen 'Gold Class' in Liegesesseln während des Films ein Menu mit
Getränken und Service geboten. Dieses (im Jahr 2006) neue Konzept richtet
sich wahrscheinlich überwiegend an Pärchen, die der Meinung sind, dass
ihr Heimkino ja doch viel bequemer und gemütlicher ist, als es je ein Kinobesuch
sein kann.
In der Nähe liegt das wesentlich interessantere Arthouse Cinema
Como mit vier Sälen. Die Wände und Boden des Foyers sind überwiegend
in schwarz eingerichtet, so dass die andersfarbigen Lampen und Sessel einem sofort
ins Auge springen. Alles wirkt sehr stilsicher und aufeinander abgestimmt, so
dass man den Eindruck bekommt, sich nicht einem Kino sondern in einem teurem Hotel
zu befinden. Auch die gemütlichen Säle überzeugen sofort. Leider
bleibt keine Zeit einen Film anzugucken, da wir noch viel vor uns haben. |

Das 'Palais Theatre' (links) neben dem Eingang des 'Luna
Park' (rechts)
in St. Kilda / Melbourne, April 2006 © kinokompendium |
Wir steigen ins Auto und
fahren nach St. Kilda. In der Nähe der Strandpromenade, neben dem 'Luna Park',
liegt das imposante ehemalige Kino Palais Theatre. Es wurde 1927 mit ca.
2.400 Sitzplätzen gebaut. Seit der Eröffnung wurde wenig verändert
aber auch eine Renovierung lag schon lange zurück. Wie auch schon das 'Forum'
im Zentrum war es nun ein Ort für Konzertveranstaltungen. Wir schauen uns
das Foyer an, in dem sich die Konzertkasse befindet. Der Betreiber lässt
uns leider nicht in den Saal schauen (über Jahre hinweg wurde jede Anfrage
den Saal anzuschauen abgewiesen), aber die Bühnentür auf der Rückseite
ist offen, so dass ich doch schnell einen Blick reinwerfen kann, bevor ich rausgeschmissen
werde. Seit dem Jahr 2007 befindet sich das 'Palais Theatre' in einem gigantischen
Sanierungsgebiet, aus dem in ein paar Jahren ein neuer Kinokomplex, Geschäfte,
Restaurants und Nachtclubs hervorgehen soll. Da das 'Palais Theatre' unter Denkmalschutz
steht, sollte es anschließend wieder in neuem Glanz erstrahlen.
Nach einem kleinen Strandspaziergang geht es weiter nach Camberwell. Dort befinden
sich die Rivoli Cinemas
aus dem Jahr 1940. Die Architekten Taylor und Soilleux erbauten den 1.644 Sitzplätze
Saal im Art Deco Stil und in einer neuen Bauweise, die zu einer herausragenden
Akustik führte.
Auch wenn es von 1997 bis zum Jahr 2000 von 'Village Cinemas' zu einem Kinokomplex
mit acht Sälen umgebaut wurde, bleiben viele schöne Elemente aus den
Anfängen des Kinos erhalten, beziehungsweise wurden wieder restauriert. Der
ursprüngliche Saal wurde horizontal entlang des Rangs geteilt (wie beim 'Hayden
Orpheum' und 'Capitol Theatre'), so dass auch hier Teile des interessanten Decken
und Wand Designs erhalten geblieben sind. Neben diesem ursprünglichen Saal
ist vor allem das Foyer mit Kassen und der großen Treppe sehenswert. Wandverkleidung
und integrierte Säulen, Teppiche und Treppengeländer versetzen einen
zurück in die Zeit aus den Anfängen des Kinos. Vom kleinen Dachgarten
kann man das Treiben auf der Straße verfolgen und die ursprüngliche
gestreifte Backsteinfassade mit sechs Meter hoher metallischen Kinoschrift oberhalb
des Haupteingangs bewundern.
In Balwyn besuchen wir das gleichnamige Balwyn
Cinema, welches wie das 'Cinema Como' von 'Palace Cinemas' betrieben wird.
Der ursprünglich eine Saal (erbaut in den 1920ern) wurde 1990 in drei Säle
unterteilt, und im Jahr 2002 wurden noch zwei zusätzliche Säle angebaut.
Ähnlich geschmackssicher wie das 'Cinema Como', wurden hier die Säle
im Art Deco Stil eingerichtet und bieten für den Arthouse Kinogänger
gleichzeitig den modernsten Komfort.
Eine
sehr ähnliche Geschichte besitzt das extrem stilvolle Sun
Theatre Yarraville. Ein Neonsonnensymbol thront auf dem zentralen Turm, an
dem auch an beiden Seiten der Name des Kinos angebracht ist. Erstaunlicherweise
ist die linke und rechte Hälfte der Frontfassade unterschiedlich. Links schmiegen
sich die Wände und Vorbauten mit abgerundeten Ecken an den Turm an. Drei
kleine rechteckige Fenster durchbrechen dabei den hellbraunen Backsteinunterbau.
Auf der rechten Hälfte hingegen gibt es nur zwei schmucklose rechteckige
Wände, deren Backsteinunterbau von einem runden Fenster unterbrochen wird.
Es ist also anzunehmen, das sich die meisten Kinobesucher von der linken Seite
des Gebäudes nähern, und somit auf der rechten Seite auf zusätzlichen
Schmuck verzichtet wurde. Ursprünglich wurde das Kino 1938 mit einem Saal
mit 1050 Sitzplätzen eröffnet und schloss irgendwann in den 1960 / 70ern.
Es wurde über die Jahrzehnte hinweg völlig missachtet, so dass fast
nur vier Wände übrig blieben. 1995 kaufte der jetzige Besitzer das alte
Kino und renovierte es im Zeitraum zwischen 1998 und 2003.
Jetzt besitzt das Kino insgesamt sechs Säle mit 660 Sitzplätzen. Vier
Säle befinden sich im ursprünglichen Gebäude und zwei in einem
neuen Anbau auf dem Rückteil des Grundstücks. Das gesamte Gebäude
wurde dem Art Deco Stil nachempfunden. Im Foyer ist der Boden und der geschwungene
Holztresen mit den Initialen des Kinos versehen. Wie schon beim oben beschriebenen
'Hayden Orpheum', wurde jeder Saal nach einem ehemaligen Kino aus der Nachbarschaft
benannt. Die Sessel sind teilweise mit Leder bezogen und besitzen hochwertige
Holzrahmen. Zusätzlich besitzt jeder Saal einen Vorhang und durchgehend Teppich.
Formen und Farben sind alle geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Kino wie man
es sich schöner erträumen kann. Vor allem ein weiterer Beweis, dass
es auch in den 1990ern eine andere Bauweise als simple Black-Box-Säle gab.
Zum Ende unserer Kinotour können mir am Abend John & Chris noch etwas
ganz besonderes bieten. Sie haben die befreundete Theatermanagerin des Regent
Theatre angerufen und von meinem Interesse an Kinobauten erzählt. Sie
erlaubt mir das Regent Foyer und den Saal während der Pause des Musicals
'The Lion King' zu besuchen. |

'The Regent' in Melbourne Aussenansicht (links) &
Foyer nach der Renovierung 1996, undatiert (rechts) © Marriner Theatres |
| Das 1929 im Gotik / Barock
Stil errichtete Kino wurde von dem Kinounternehmen 'Hoyts' erbaut, die noch immer
aktiv in Australien sind. Der Architekt Cedric Ballantyne wurde vorher von einem
der Hoyts Geschäftsführer zu einer Kinotour durch die Welt eingeladen.
Das 'Capitol' in New York beeindruckte so sehr, dass es für das 'Regent Theatre'
als Vorlage galt. |


'The Regent' Foyer & Saal nach der Renovierung 1996,
undatiert © Marriner Theatres |
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Seit einer kompletten Renovierung von 1993 bis 1996 erstrahlt das Gebäude
mit 3.277 Sitzplätzen wieder im alten Glanz (die Bilder sprechen wohl für
sich selbst). Zur Wiedereröffnung wurde sogar ein Film gezeigt ('My Fair
Lady'), generell wird aber das Theater jetzt für Musicalaufführungen
genutzt. Die detaillierte Geschichte bis zur Wiedereröffnung im Jahr 1996
lässt sich in Frank Van Stratens Buch
'The Regent Theatre Melbourne's Palace of Dreams' nachlesen, welches man
auch vor Ort erwerben kann.
Abschließend besuche ich am nächsten Abend The
Astor Theatre. Es wurde 1936 ebenfalls im Art Deco Stil erbaut und ist mit
1.100 Sitzplätzen, verteilt auf Parkett und Rang, das größte Einsaal-Kino
Melbournes. Schon vor dem Bau des Astors befand sich seit 1908 auf dem Grundstück
ein Kino, so dass hier eine lange Tradition fortgesetzt wird.
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'The Astor Theatre' Melbourne, undatiert © The Astor
Theatre |
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Das Foyer ist zweistöckig. Eine Marmortreppe neben der Kasse führt
in den ersten Stock und ein großer ovaler Deckendurchbruch verbindet die
beiden Etagen. Im Zentrum der Decke hängt ein Kristallleuchter und die geschwungenen
Geländer als auch anderen Ornamente an Decken und Wänden verzaubern.
Aber auch der Saal, mit gelbem Vorhang, Kristalleuchtern und ansprechender Wand
und Deckenverzierung steht dem Foyer in nichts nach.
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'The Astor Theatre' Melbourne, undatiert © The Astor
Theatre |
Zusätzlich ist das
Programm der absolute Renner: Täglich wechselnde Filme, mit bis zu zwei Vorstellungen,
populäre Klassiker und neuere Filme häufig als Double Feature gepaart
(zwei Filme für den Preis von einem). Vor allem gibt es hier keine Klassiker
die mit einem DVD Beamer aufgeführt werden, sondern noch alle auf Zelluloid,
wie es sich für ein Kino gehört. Ein Traum, der hoffentlich noch lange
erhalten bleibt. Ein Blick hinter die Kulissen kann man auch sporadisch (ca. einmal
im Monat) werfen. Eine Tour beinhaltet Tee und einen Film.
Ich verlasse nun nach fünf aufregenden Tagen Melbourne und fahre innerhalb
der nächsten drei Tage entlang der Great Ocean Road nach Adelaide.
Im Vorort Marryatville steht das Chelsea
Cinema. |

'Chelsea' in Marryatville / Adelaide, Mai 2006 ©
kinokompendium |
Es wurde 1925 als 'The
Princess Theatre' mit 1500 Plätzen eröffnet und 1941 im Art Deco Stil
umgebaut. In 1955, mit dem Einbau einer CinemaScope Leinwand, gab es erneute Änderungen
im Saal. 1984 wurden das 1-Saal Kino erneut renoviert und die Sitzplätze
drastisch von 1145 auf 586 reduziert, die sich auf einen Rang und das Parkett
verteilen. Das denkmalgeschützte Kino besitzt immer noch viele sehenswerte
Art Deco Elementen, sowohl im Saal als auch im Foyer.
Vom selben Betreiber wird auch noch das Piccadilly
Theatre im Norden Adelaides geführt, welches 1940 eröffnete. Im
Gegensatz zum 'Chelsea Cinema' wurde dieses Art Deco Kino allerdings über
die Jahre hinweg stärker verändert und der ursprüngliche Saal 1990
horizontal geteilt um zwei weitere Säle im Erdgeschoss (dem ehemaligen Parkett)
einbauen zu können. |
 
'Piccadilly Theatre' Fassade (links) & Foyer (rechts),
September 1999 © Wallis Theatres |
| Vor allem die Fassade gibt
dem Kino immer noch seine ganz besondere Ausstrahlung. Über dem Eckeingang
befindet sich ein halbrunder Vorbau, in dem sich die Wendeltreppe des Kinos befindet.
Der halbrunde Vorbau ist dabei jeden Meter durch ein nach unten zeigendes pfeilförmiges
Fenster durchbrochen, die wie die Treppe im Inneren leicht ansteigen und somit
bei Tag als auch bei Nacht eine hübsches grafisches Muster bilden. |

'Piccadilly Theatre' Saal 1, September 1999 © Wallis
Theatres |
Grandioser ist allerdings
das Capri Theatre im Vorort
Goodwood. Im Oktober 1941 als 'New Goodwood STAR Theatre' eröffnet, erhielt
es 1967 seinen noch heute gültigen Namen und wurde im Dezember 1978 von der
Theatre Organ
Society of Australia erworben. Diese Übernahme war auch gleichzeitig
Anlass die zweitgrößte Wurlitzer Orgel Australiens einzubauen und das
Interieur liebevoll zu restaurieren. Die 782 Sessel im Parkett und Rang wurden
erneuert, Teppiche mit einem Muster aus dem Jahre 1941 verlegt und die Wände
in ihrem originalen Art Deco Muster und Farbgebung gestrichen. Auch die beiden
Foyers im Erdgeschoss und ersten Stock laden seitdem wieder zum Verweilen ein.
Ein Besuch mit einer Vorführung der Orgel vor dem Hauptfilm (dreimal die
Woche) lohnt sich natürlich am meisten.
Von Adelaide besteige ich den 'Indian Pacific' Zug nach Perth. Von dort aus starte
ich eine sechswöchige Tour entlang der Küste von Western Australian
bis zum Northern Territory. In Broome an der nördlichen Westküste
Australiens, dem Zentrum der australischen Perlenindustrie, leben ca. 14.000 Einwohner.
Dort gibt es das älteste Freiluftkino ('picture gardens') der Welt, welches
immer noch in Betrieb ist. Das Sun
Picture Theatre - Chinatown wurde 1916 mit 500 Plätzen von Ted Hunter
eröffnet. Die erste Tonfilmaufführung fand 1933 statt. |

'Sun Picture Theatre - Chinatown' in Broome, Dezember 2006
© Alison Fletcher |
| Bis 1967 gab es Rassentrennung
in Broome. So erhielten die Aboriginals als auch Asiaten die schlechteren Plätze
mit einfachen Holzbänken, während die Weißen in der Mitte auf
besseren Sitzen den Film anschauten. Heute sitzt man einheitlich in Liegestühlen.
Trotzdem scheinen die Aboriginals vom öffentlichen Leben stärker ausgegrenzt
zu sein, als damals. Die wenigen Ureinwohner die man in der Stadt sieht, sehen
sehr verarmt aus, sitzen trinkend im Park und werden von dort in regelmäßigen
Abständen von der Polizei vertrieben. Das Geld für einen Kinobesuch
scheinen sie nicht zu haben. |

'Sun Picture Theatre - Chinatown' in Broome, Juni 2006
© kinokompendium |
| An dem Kinobau hat sich seit der Eröffnung, trotz Überflutungen und Zyklone, kaum
was geändert. An der Carnarvon Street befindet sich das Haus mit einem kleine einstöckigen
Foyer, von dem man in den Garten gelangt. Das zweigieblige Metalldach überspannt die hinteren
Sitzplätze. Unter dem Dach sind auch ein paar Erinnerungsstücke aus der fast 100
jährigen Kinogeschichte aufgestellt. Man kann das Kino entweder tagsüber als Touristenattraktion
mit einer Audioführung besuchen oder nach Einbruch der Dunkelheit einen Kinofilm anschauen. |

'Deckchair Cinema' in Darwin, undatiert © Darwin Film Society |
| Von Broome aus starten wir eine einwöchige Tour entlang der Gibb River Road, durch die
Kimberleys bis zum jüngsten National Park Australiens, der Bergkette Bungle Bungle. Die
Tour endet im Norden des Northern Territory in Darwin. Der Ort wurde bei der Landung
der 'HMS Beagle' 1839 nach dem an Bord befindlichen Naturwissenschaftler Charles Darwin benannt.
In dem Ort mit ca. 71.000 Einwohnern gibt es das Freiluftkino Deckchair
Cinema. Am südlichen Ende des Bicentennial Park, liegt das Kinogelände direkt
am Wasser neben dem Hafen. Während die Sonne untergeht, versammeln sich die Kinofreunde
unter freiem Himmel und wählen einen der namensgebenden Liegestühle. Täglich
wechselndes anspruchsvolles Programm wird hier von der Darwin Film Society von April bis November
geboten. |

'Deckchair Cinema' in Darwin, undatiert © Darwin Film Society |
Von Darwin führt mich meine Reise in das Zentrum des Kontinents zum Uluru (Ayers Rock).
Nach diesem Besuch fliege ich von Alice Springs nach Brisbane. Eine Stadt die offensichtlich
keine so herausragenden Kinos mehr zu bieten hat. Das The
Regent ist nämlich leider nur noch ein Schatten seiner früheren selbst. Nach
dem Bau des 'Regent' in Melbourne, entstand hier unter gleichem Namen und ähnlichem Design
1929 ein weiterer Palast für die Kinogruppe Hoyts. Heute kann nur noch die 22 Meter lange
Passage an der Queen Street und das angrenzenden kathedrale Foyer so wirklich begeistern. Ein
Besuch, der noch nicht mal Eintritt kostet. 1978 wurde der ursprüngliche Saal mit 2.583
und zwei Rängen zerstört und vier neue Säle gebaut. Hoyts vereinbarte mit der
Denkmalschutzbehörde das Foyer zu restaurieren und zu erhalten und dekorative Elemente
aus dem ursprünglichen Saal wieder zu verwenden und in einem der vier Säle zu integrieren.
Ebenfalls wurde das Foyer des ersten Rang erhalten. Die, die den ursprüngliche Saal noch
kennen, finden diese Umwandlung in der Regel grauenhaft, aber wahrscheinlich ist das Kino immer
noch sehenswerter als viele der neueren Kinos im Stadtzentrum.
So kommt nun meine große Australien / Neuseeland Reise zu einem Ende und ich verbringe
noch einmal drei Tage in Sydney. Dort habe ich das Glück, das gerade das Sydney
Film Festival am laufen ist, und ich tatsächlich in den Genuss einer Kinoaufführung
im 'State Theatre' komme. Während die wunderbar dysfunktionale Familie in 'Little Miss
Sunshine' durch Amerika fährt, bewundere ich noch einmal die wunderbare Atmosphäre
des Saals. Kann es ein schöneres Ende geben?
[Ben 10'07] |
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